X
Logo

Konflikte in der Ausbildung erkennen und lösen

Verärgerte Ausbilderin mit Auszubildender im Büro
© Racle Fotodesign - Fotolia.com

Während der Ausbildung verbringen Sie als Ausbilder oder Ausbilderin viel Zeit mit Ihren Auszubildenden und müssen den Arbeitsalltag und das Lernpensum meistern. Es ist ganz natürlich, dass es zu Schwierigkeiten und Konflikten kommen kann, wichtig ist jedoch der richtige Umgang mit diesen. Nicht bewältigte Konflikte können bis zum Abbruch der Ausbildung durch den Auszubildenden oder zur Kündigung des Ausbildungsverhältnisses durch den Betrieb führen.

Auch wenn es nicht gleich zum Schlimmsten kommt, beeinflussen unbeachtete Konflikte jedoch in jedem Fall den Ausbildungsalltag negativ. Dementsprechend hat es einen Mehrwert für Unternehmen Schwierigkeiten zu erkennen, sich mit den Ursachen zu beschäftigen und konstruktiv damit umzugehen. Zudem birgt jeder Konflikt auch Chancen, da Meinungsverschiedenheiten zu neuen Lösungsansätzen führen können, wenn man mit ihnen auf eine konstruktive Weise umgeht. Deshalb ist es wichtig, das Potenzial, die Ursachen und den konstruktiven Umgang mit Konflikten zu kennen.

Gründe für Konflikte in der Ausbildung

Bei der Zusammenarbeit im Betrieb kann es zu Konflikten kommen, die ganz unterschiedliche Gründe haben können und auf verschiedenen Ebenen ablaufen. Konflikte können innerhalb der Ausbildungsgruppe, innerhalb des Teams, zwischen Auszubildenden und Ausbilder/innen usw. auftreten. Mögliche Gründe für Konflikte in der Ausbildung sind zum Beispiel:

Den Ausbildungsberuf betreffend:

  • Fehlendes Interesse am Beruf
  • Mangelnde Zukunftsperspektive

Die Ausbildung betreffend:

  • Unzufriedenheit mit dem Verlauf der Ausbildung bzw. der Ausbildungsqualität (z.B. unliebsame oder fachfremde Tätigkeiten)
  • Unklare Anweisungen/ Regeln
  • Arbeitsabläufe

Das Verhalten der Auszubildenden betreffend:

  • Unzuverlässigkeit, Unpünktlichkeit, Unordentlichkeit usw.
  • Unter- oder Überforderung
  • Motivation
  • Leistung
  • Persönliche Probleme (z.B. Konflikte mit Familie und Freunden etc.)

Das Team betreffend:

  • Generationsunterschiede/ Einstellungen
  • Betriebsklima/ Umgangston
  • Persönliche Probleme

 

Es gilt, sich selbst zu fragen:

Potenzial von Konflikten

Ausbilderin schimpft mit Azubi
© Racle Fotodesign - Fotolia.com

Die Gründe der Konflikte können Aufschluss über unterschiedliche Interessen, Erwartungen und Absichten geben. Zusätzlich bieten sie nicht selten Möglichkeiten für Kreativität und Innovation. Daher sind Konflikte nicht nur negativ zu bewerten, denn sie sind ein wichtiger Teil des menschlichen Zusammenlebens und bieten tatsächlich viel Potenzial! Mehr über den anderen Menschen zu erfahren ist wichtig, um ihn besser zu verstehen und zukünftig Situationen besser einschätzen zu können. Konflikte sollten daher nicht unbeachtet bleiben, sondern aktiv bewältigt werden. Lassen Sie sich die Möglichkeit nicht nehmen, gemeinsam mit Ihren Auszubildenden zu wachsen!

Wie wichtig Kommunikation und damit auch der Konflikt, eine Form der Kommunikation, für das Verständnis gegenüber einer anderen Person sowie die Weiterentwicklung der eigenen Person ist, zeigt das sogenannte Johari-Fenster1. Das von den amerikanischen Sozialpsychologen Joseph Luft und Harry Ingham entwickelte Modell besteht aus vier Bereichen der Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmale einer Person, welche dieser selbst sowie anderen Personen bekannt oder unbekannt sein können.

Johari-Fenster
Johari-Fenster nach Joseph Luft und Harry Ingham

Öffentlich: Die öffentlichen Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmale sind sowohl der Person als auch anderen bekannt.

Beispiel: Ein Auszubildender kann häufig unpünktlich sein und sich auch darüber bewusst sein, dass er ein unpünktlicher Mensch ist. Wenn beiden Seiten von Anfang an klar ist, dass dies der Fall ist, dann könnte man sich z.B. auf Gleitzeit einigen oder direkt kommunizieren, dass es keine Option ist, unpünktlich zur Arbeit zu erscheinen.

Wenn Sie klare und realistische Einschätzungen vor dem Beginn der Ausbildung kommunizieren, wissen dementsprechend in dem öffentlichen Bereich beide Seiten woran sie sind. Das Konfliktpotenzial ist daher bei öffentlichen Eigenschaften eher gering.

Geheimnis: Personen halten Merkmale geheim, wenn sie sich Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmale bewusst sind, sie aber nicht mit anderen teilen wollen. Es kann aber auch passieren, dass etwas unwissentlich nicht geteilt wird. Anderen sind diese Merkmale also unbekannt.

Beispiel: Es kann sein, dass Menschen im Arbeitskontext aus politischen und gesellschaftlichen Gründen ihre Homosexualität geheim halten. Dies könnte auch am Betriebsklima an sich liegen, beispielsweise wenn homophobe Aussagen toleriert werden. Solche Gegebenheiten können zu Konflikten führen.

Unbekanntes: Es gibt Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmale, die weder einem selbst noch anderen bekannt sind. Dies kann daran liegen, dass eine Person noch nie in eine Situation gekommen ist, in welcher dieses Merkmal gefragt war. Dieses Feld kann dementsprechend vernachlässigt werden.

Blinder Fleck: Hierbei handelt es sich um Merkmale, die anderen bewusst sind, der Person selbst aber unbekannt. An dieser Stelle ist Kommunikation essentiell, denn nur durch das Feedback von außen können Merkmale aus dem blinden Fleck in den öffentlichen Bereich kommen und einer Person bewusst werden.

Beispiel: Sie als Ausbilderin finden, dass ihre Auszubildende unordentlich arbeitet und Sie immer wieder Mehraufwand haben, um diese Unordentlichkeit auszubessern. Ihr ist dies jedoch überhaupt nicht bewusst und sie denkt, dass alles gut funktioniert, da Sie noch nie angesprochen haben, was genau Sie als unordentlich empfinden. Hier ist der Konflikt vorprogrammiert.

An dieser Stelle gibt es also großes Potenzial, sich durch Kommunikation und demnach auch Konflikte weiterzuentwickeln! Konflikte können dementsprechend eine Möglichkeit bieten, die öffentlichen Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmalen (Bereich Öffentlich) zu erweitern.

Ablauf von Konflikten

Konflikte laufen in der Regel nach einem ähnlichen Schema ab2:

Konfliktschema
Modell der Konflikteskalation nach Friedrich Glasl

Entscheidend ist beim Ablauf der Punkt „Erkennen des Konfliktes“, denn an diesem Punkt kann man verschiedene Wege einschlagen. Es ist möglich, sich lösungsorientiert für alle Parteien mit dem Problem auseinander zu setzen, also offen über Möglichkeiten zu kommunizieren, wie der Konflikt für beide Parteien zufriedenstellend gelöst werden kann (grüner Weg). Falls an dieser Stelle keine Kommunikation stattfindet, kann es zur Konflikteskalation kommen (orangener Weg). Eine weitere, nicht in der Grafik dargestellte Möglichkeit ist es, den Konflikt zu verdrängen, aber auch dies führt in den meisten Fällen irgendwann zu einer Konflikteskalation.

Um rechtzeitig einschreiten zu können, ist es wichtig, Konflikte frühzeitig zu erkennen. Verschiedene Verhaltensweisen können offen oder eher verdeckt auf einen Konflikt hinweisen. In der folgenden Grafik sind einige mögliche Anzeichen von Konflikten dargestellt:

Anzeichen von Konflikten

Wichtig ist, aufmerksam auf das Verhalten Ihrer Auszubildenden, des Teams sowie Ihr eigenes Verhalten zu achten, um Konflikte frühzeitig zu erkennen. 

Ausbilderin und Auszubildende im Gespräch
© Racle Fotodesign - Fotolia.com

Umgang mit Konflikten

Wenn Sie das Gefühl haben, einen Konflikt erkannt zu haben, ist die Grundlage für den gezielten Umgang mit diesem die Suche nach einem Gespräch mit den beteiligten Personen – das sogenannte Konfliktgespräch. Dieses sollte zeitnah stattfinden und an einen Termin gelegt werden, der möglichst stressfrei von den Gesprächspartnern/innen wahrgenommen werden kann.

Bereiten Sie sich auf das Gespräch vor, indem Sie sich überlegen, was genau Sie ansprechen wollen und welche Lösungsmöglichkeiten aus Ihrer Sicht für das Problem bestehen, bleiben Sie aber offen für Lösungsvorschläge aus Sicht Ihrer Auszubildenden. Falls Sie die Konfliktursache nicht kennen, geht es in dem Gespräch auch darum, diese herauszufinden.

Sprechen Sie bei Beginn des Gespräches den Konflikt direkt an bzw. erklären Sie, dass Sie das Gefühl haben, dass den Auszubildenden etwas auf dem Herzen liegt, damit ihnen der Grund des Gespräches klar ist. Schildern Sie Ihre Sicht der Dinge in Ich-Botschaften, damit sich Ihre Auszubildenden nicht direkt angegriffen fühlen.

Kopf Was sind Ich-Botschaften?

Ich-Botschaften sind eine Möglichkeit, eigene Meinungen und Gefühle zu formulieren, ohne eine andere Person dabei anzugreifen. Aufbauen kann man eine Ich-Botschaft gut auf folgende Weise:

Aufbau einer Ich-Botschaft

Einleiten kann man eine Ich-Botschaft gut mit „Wenn…“, z.B.:

Denken Sie daran, Ihren Auszubildenden genügend Raum zu geben, ihre Seite der Geschichte zu erzählen!

Falls Sie das Gefühl haben, dass eine Konflikteskalation nahe liegt oder bereits stattfindet, dann gibt es auch Unterstützungsmöglichkeiten bei der Konfliktdeeskalation. Dies kann vor allen Dingen dann relevant sein, wenn Sie selbst an dem Konflikt beteiligt sind oder keine weiteren Ideen haben, wie es zu einer Lösung des Konfliktes kommen könnte.

Wichtig ist, dass Sie versuchen, realistisch einzuschätzen, ob Sie das Problem selbst lösen können oder Unterstützung dabei benötigen.

Unterstützungs- und Mediationsangebote gibt es zum Beispiel bei der Ausbildungsberatung der Kammern und im Rahmen der Assistierten Ausbildung.

Abhängig von dem Grund des Konflikts kann der Umgang damit ganz unterschiedlich aussehen. Beispielhaft soll hier auf einige der oben genannten Gründe für Konflikte eingegangen werden:

Umgang mit Konflikten

Mögliche Gründe Möglicher Umgang 
Fehlendes Interesse am Beruf
  • Gründe für fehlendes Interesse besprechen
  • Interessante Aspekte des Berufs aufzeigen
  • Positives Vorbild sein: Begeisterung für Beruf zeigen
Mangelnde Zukunftsperspektive
  • Möglichkeiten im Beruf und im Unternehmen aufzeigen
  • Falls es keine Möglichkeit im Unternehmen gibt, übernommen zu werden, Möglichkeiten außerhalb ansprechen
  • Positives Vorbild sein

Unzufriedenheit mit dem Verlauf der Ausbildung bzw. der
Ausbildungsqualität (z.B. unliebsame oder fachfremde Tätigkeiten)

  • Gemeinsam mit Auszubildenden Ausbildungsplanung besprechen
    (Siehe auch: Ausbildung planen)
  • Wenn möglich: Aufgaben an Interessen anpassen
  • Ggf. Ausbildungsberatung der zuständigen Kammer hinzuziehen
Unklare Anweisungen/ Regeln
  • MUSS-Regeln verdeutlichen (schriftlich)
  • Bei unwichtigeren Regeln Kompromiss finden
  • Bei Anweisungen Zeit zum Nachfragen mit berücksichtigen
Arbeitsabläufe
  • Arbeitsabläufe verdeutlichen
  • Auszubildenden Gestaltungsspielraum lassen, ihre Vorschläge ernst nehmen
Unzuverlässigkeit, Unpünktlichkeit, Unordentlichkeit usw.
  • Problem als Ich-Botschaft beschreiben, konkrete Situationen ansprechen
  • Falls sich Verhalten danach nicht bessert, erneut ansprechen: Gibt es Gründe für Fehlverhalten?
  • Anschließend ggf. ermahnen, dann abmahnen
  • Möglicherweise auch Probleme in Familie oder mit Freunden thematisieren, falls diese Grundlage des Verhaltens sind
Unter- oder Überforderung
  • Nachfragen, ohne Vorwürfe zu machen
  • Aufgabenbereiche eingrenzen, welche über- bzw. unterfordern
  • Gemeinsam
    - Bei Überforderung Zwischenschritte besprechen und Aufgabe noch einmal näher betreuen; bei anhaltender Überforderung über intensivere Unterstützungsmöglichkeiten sprechen
    - Bei Unterforderung Auszubildende in Aufgabengestaltung mit einbeziehen
  • Siehe auch: Auszubildende motivieren: Die passende Aufgabe geben
Motivation
  • Gründe für fehlende Motivation erfragen
  • Deutlich machen, welche Auswirkungen fehlende Motivation hat, wie Sie sich dabei fühlen (Ich-Botschaften)
  • Versuchen, gemeinsam Lösungen für Gründe zu finden
  • Anforderungen deutlich machen
Leistung
  • Mit Ich-Botschaften Leistungsdefizite ansprechen
  • Nachfragen, wie Sie unterstützen können und gemeinsam Lösungen finden
Generationsunterschiede/ Einstellungen
  • Verständnis für Auszubildende entwickeln - Perspektive wechseln!
  • MUSS-Anforderungen verdeutlichen
Betriebsklima/ Unterton
  • Problematik im Team ansprechen
  • Auf eigene Ausdrucksweise achten
  • Ggf. in Teamtraining o.ä. investieren; Probleme innerhalb des Betriebs ansprechen und klären

 

Zusammenfassung

Ausbilderin und Auszubildende reichen sich die Hände
© Racle Fotodesign - Fotolia.com

Die Gefahren von Konflikten sind groß, gerade, wenn man sie unbeachtet lässt. Wenn Sie feststellen, dass ein Konflikt mit Ihren Auszubildenden in der Luft liegt bzw. liegen könnte, arrangieren Sie so schnell wie möglich ein Konfliktgespräch, in welchen Sie einen zielführenden Umgang mit dem Konflikt einleiten können. Setzen Sie sich vorher mit dem Konflikt auseinander und überlegen Sie sich Lösungsmöglichkeiten, aber bieten Sie ihren Auszubildenden auch die Möglichkeit, ihre Meinung mit einzubringen, denn für beide Seiten sollte eine zufriedenstellende Lösung angestrebt werden. Falls Sie Unterstützung bei der Konfliktbewältigung brauchen, scheuen Sie sich nicht, sich Hilfe von außen zu holen. Ansonsten denken Sie auch daran, die positiven Auswirkungen und Potentiale, die ein überwundener Konflikt mit sich bringen kann, für sich und Ihre Auszubildenden gewinnbringend zu nutzen.

  • 1 Quelle: Joseph Luft, Harry Ingham: The Johari window, a graphic model of interpersonal awareness. In: Proceedings of the western training laboratory in group development, Los Angeles: UCLA, 1955.
  • 2 Quelle: Glasl, Friedrich: Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führungskräfte und Berater. 4. Aufl. Bern: Haupt (u.a.) 1997