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Ein Analyseraster zur Gestaltung nachhaltiger Lernorte in der Berufsbildung

zwei Leute in einer Schreinerwerkstatt
© Firma V - Fotolia.com

Der Modellversuch „KoProNa - Konzepte zur Professionalisierung des Ausbildungspersonals für eine nachhaltige berufliche Bildung“ hat ein Instrument entwickelt, dass Ausbilder/-innen in die Lage versetzt, ihre internen betrieblichen Ausbildungsprozesse auf Nachhaltigkeitsindikatoren zu überprüfen.

Die Entwicklung des Analyserasters

Ursprünglich war geplant, ein Raster zur Analyse nachhaltiger Bildungsprozesse in Unternehmen aus der bereits bestehenden theoretischen Basis heraus abzuleiten. Bei der Aufarbeitung exemplarisch ausgewählter, bereits etablierter Berichtssysteme, wie Global Reporting Initiative (GRI), Global Compact sowie der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK) zeigte sich, dass die theoretische Ableitung allein nicht zielführend ist. Die darin enthaltenen Indikatoren verweisen häufig eher auf die betriebliche, globalerer Ebene. Ein Analyseraster für die berufliche Bildung soll jedoch in erster Linie Ausbildungspersonal sowie Personalverantwortliche adressieren und muss folglich auch für diese, in einem überschaubaren zeitlichen Rahmen, handhabbar sein.

Abb. 1 Basis für die Erstellung des Analyserasters
Abb. 1 Basis für die Erstellung des Analyserasters / © KoProNa

Erkenntnisse aus der Praxis

Aktuelle Bedarfslagen und Herausforderungen der teilnehmenden Unternehmen wurden in der Auftaktveranstaltung des Modellversuches erhoben und kategorisiert. Ebenso konnten erste Perspektiven auf die Thematik Nachhaltigkeit aus Sicht der Praxis in die Konstruktion des Rasters einfließen.
Ziel im Rahmen des Modellversuchs war und ist es, Ausbildungsverantwortliche durch die angebotenen Themenworkshops, die individuelle Begleitung und Beratung während der Laufzeit für die Themen der Berufsbildung für eine nachhaltige Entwicklung (weiter) zu sensibilisieren. Im Mittelpunkt standen dabei fünf Fragen, die das Ausbildungspersonal für sich beantworten sollte:

  1. Welche nachhaltigen Aspekte werden konkret in den betriebsindividuellen Ausbildungssituationen umgesetzt?
  2. Inwieweit kann ich in meiner Position Auszubildende für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisieren?
  3. Wie kann nachhaltiges Denken und Handeln der Auszubildenden gefördert werden?
  4. Welche Kriterien sollte bzw. muss ein nachhaltiger Lernort erfüllen?
  5. Wie kann nachhaltige Entwicklung als Bildungsinhalt in die Lern- bzw. Ausbildungssituationen integriert werden?

Um die individuellen betrieblichen Rahmenbedingungen erfassen zu können, wurden Interviews mit den verantwortlichen Ausbildern und Ausbilderinnen sowie den Personalverantwortlichen durchgeführt. Bei der Auswertung der Interviews konnten so Unternehmensfälle erstellt werden. Anhand der Analyse der aktuellen Herausforderungen und dem individuellen Ausbildungsvorgehen der Ausbildungsbetriebe, sollten erste Ansätze für Nachhaltigkeit in der Berufsbildung aufgedeckt werden. Dadurch konnten weitere Indikatoren sichtbar gemacht werden.

Um die ersten gewonnenen Daten kontrastieren zu können, wurde ein Fotoprojekt mit den Auszubildenden der betrieblichen Partner durchgeführt. Ziel war es:

  • die Wahrnehmung des Ausbildungsbetriebes,
  • das Nachhaltigkeitsverständnis der Auszubildenden,
  • das Identifikationspotenzial mit dem Ausbildungsberuf und dem Ausbildungsbetrieb sowie
  • das Wertebewusstsein der Auszubildenden zu erfassen.

Weiter sollte dabei geprüft werden, welche Gemeinsamkeiten und welche Kontraste sich zwischen der Auszubildenden- und der Ausbilderperspektive ergeben. Aus den Ergebnissen und Erkenntnissen der beiden Erhebungen konnten so individuelle betriebliche Projekte entwickelt werden, welche die Betriebe nach eigenem Ermessen durchführ(t)en.

Merkmale eines nachhaltigen Lernortes (MnaL)

Das Projektteam konnte ebenfalls aus den Daten der Interviews und der einzelnen Fotoprojekte Merkmale für einen nachhaltigen Lernort ableiten. In erster Linie zeigen die Ergebnisse, dass es im betrieblichen Kontext nicht DEN Lernort gibt. Einerseits kann der Lernort als umfassend für den Ort, also das Unternehmen, verstanden werden. Ein Lernort im Sinne des Berufsbildungsgesetzes neben Berufsschule und überbetrieblichen Bildungsträgern. Für diese physischen Lernorte existieren jedoch bereits Berichtssysteme (siehe oben). Andererseits existieren innerhalb der Unternehmen verschiedene auf Kommunikation und zwischenmenschliche Interaktion aufbauende Lernorte, die während einer Ausbildung variieren. Diese konstituieren sich je nach Ausbildungsplatz und -inhalt sowie Auszubildenden und Ausbildenden.

Abb. 2 Perspektiven auf Lernort(e)
Abb. 2 Perspektiven auf Lernort(e) / © KoProNa

Innerhalb des Unternehmens existieren für jeden Lernort bzw. -situation acht Merkmale, die die Ausbilder/-innen und Auszubildenden einem nachhaltigen Lernort zuweisen. Diese Merkmale bilden das Fundament für einen Lernort und sind für jeden Lernortwechsel maßgebend.

Abb. 3 Merkmale eines nachhaltigen Lernortes (MnaL)
Abb. 3 Merkmale eines nachhaltigen Lernortes (MnaL) / © KoProNa

Diese acht Merkmale begünstigen nachhaltige Lernsettings und prüfen, ob nachhaltige Bildungsinhalte thematisiert werden. Die Merkmale sind sofort oder im Nachgang der Ausbildungssituation überprüfbar. Die Merkmale eines nachhaltigen Lernortes (MnaL) bilden die Oberkategorien des entwickelten Analyserasters.

Sicherheit

  • umfasst eines der wichtigsten Punkte der Betriebsordnung.
  • Arbeitssicherheit bzw. Arbeitsschutzmaßnahmen sind betriebliche Ordnungen, die den Auszubildenden vom ersten Tag ihrer Ausbildung begegnen

Sauberkeit

  • umfasst die jeweilige Struktur eines Arbeitsplatzes und
  • die Anordnung von Werkzeugen oder Betriebsmitteln.
  • Eine entsprechende Struktur erleichtert das Lernen und spart Zeit.
  • Die Einhaltung der Ordnungsstruktur sowie die Pflege der Werkzeuge und Betriebsmittel erhöhen deren Lebensdauer.

Abwechslung

  • Junge Menschen müssen in der Ausbildung gefördert und gefordert werden.
  • Abwechslung am Arbeitsplatz meint nicht, dass sich täglich die Arbeiten verändern müssen oder sollten.

Praxisnähe

  • Die Ausbildung bzw. die Arbeitsinhalte sollten bzw. müssen eine entsprechende Praxisnähe zum betrieblichen Geschehen aufweisen.
  • Dadurch erachten die Auszubildenden diese als sinnvoll und sehen sich auch als Teil des Ganzen.

Informativ

  • Für den Arbeitsauftrag relevante Informationen müssen verfügbar sein.
  • Es meint nicht die Quantität an Informationen, sondern die nötigen, um Zusammenhänge zu verdeutlichen (sonst Überforderung).

Motivation

  • Der Arbeitsplatz sollte für Auszubildende motivierend gestaltet sein.
  • Ausbilder/-innen sollten Vorlieben, Bedürfnisse und Motive der jeweiligen Auszubildenden kennen.
  • Auszubildende müssen notwendige Arbeitsschritte verstehen. Transparente realistische Zielvorgaben bieten Orientierungshilfen.
  • Es sollten Weiterbildungen, Verantwortungsübernahme oder auch Anerkennung für erbrachte Leistungen angeboten werden.

Ergonomie/ Gesundheitsförderung

  • Die richtige Körperhaltung während der Arbeit spielt eine bedeutende Rolle.
  • Höhenverstellbare Arbeitsbereiche (Maschinen, Tische etc.) sollten vorhanden sein.
  • BGM - Angebote (Sport/ Massagen/ Ernährung etc.) gleichermaßen auch für Auszubildende anbieten.

Partizipativ

  • Jugendliche müssen in die Lage versetzt werden, an Entscheidungsprozessen beteiligt zu sein.
  • Auszubildende von heute sind „keine klassischen Empfänger“, sondern möchte aktiv mitgestalten (BBNE).
  • Möglichkeit der Partizipation schaffen.

Das Analyseraster ist ein Instrument, welches Ausbildungsverantwortliche in die Lage versetzt, ihre Ausbildung (Lernorte, Ausbildungssituationen) auf Nachhaltigkeitsaspekte prüfen zu können. Das Raster gibt dabei keine Auskunft über Richtig oder Falsch, es wird auch keine Bewertung im eigentlichen Sinne vorgenommen. Vielmehr dient es zur Reflexion des Ausbildungsgeschehens anhand der Merkmale. Die Ausbilder und Ausbilderinnen haben die Möglichkeit, entsprechende Veränderungsbedarfe einzutragen und dabei entsprechende Entscheidungsebenen zu vermerken.

Das Analyseraster ist im Zeitraum Mai bis Juli 2018 von einigen teilnehmenden Ausbilder/-innen getestet wurden. Eine zweite Testrunde läuft im November 2018 bis Anfang Januar 2019 mit allen Ausbilder/-innen im Verbundprojekt KoProNa. Der Modellversuch wird vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.