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Jugendliche mit Hauptschulabschluss finden schwer einen Ausbildungsplatz

Schüler und Lehrer im Klassenraum
© JackF - Fotolia.com

Im neuen WZBrief Bildung werden Betriebe und Berufsberatungen aufgefordert, jenseits von Noten und Abschlüssen auch auf individuelle kognitive und soziale Kompetenzen zu blicken. Die Autorinnen Anne Christin Holtmann, Laura Menze und Heike Solga kritisieren das Schlagwort von der „mangelnden Ausbildungsreife“, mit dem die Übergangsprobleme vieler Jugendlichen häufig erklärt werden. Ihre Analyse von Daten aus dem Nationalen Bildungspanel zeigt, dass das Problem oft nicht bei den Fähigkeiten der Bewerberinnen und Bewerber liegt. Vielmehr werden Jugendliche mit höchstens einem Hauptschulabschluss pauschal als „leistungsschwach“ eingeordnet. Nötig wäre ein genauerer Blick auf die Entwicklungspotenziale, etwa durch Tests oder Praktika.

Die Analysen bestätigen, dass der Schulabschluss, die Abschlussnoten sowie der Besuch einer Förderschule maßgeblich das Bewerbungsverhalten sowie die Erfolgschancen einer Bewerbung und damit den Übergang in Ausbildung beeinflussen. Darüber hinaus spielen Kompetenzen und Persönlichkeitsmerkmale keine Rolle: Jugendliche mit höheren Mathematik- und Lesekompetenzen, höheren sozialen Kompetenzen oder vorteilhafteren Persönlichkeitseigenschaften (wie Gewissenshaftigkeit) haben sich nicht häufiger beworben oder haben auch nicht leichter einen Ausbildungsplatz bekommen als Jugendliche mit niedrigeren Kompetenzen oder Ausprägungen in den Persönlichkeitseigenschaften. Das bedeutet, dass vor allem ein höherer Schulabschluss die Chancen erhöht, eine Ausbildung zu beginnen. Eine höhere „Ausbildungsreife“, also bessere individuelle Kompetenzen oder Persönlichkeitsmerkmale, verbessern die Chancen auf einen Ausbildungsplatz hingegen nicht.

Jugendliche, die gar keinen oder einen Hauptschulabschluss haben, sind größtenteils ausbildungswillig. Sie wollen eine Ausbildung machen, haben einen konkreten und zumeist realistischen Berufswunsch und zum Teil ähnliche Kompetenzen wie Jugendliche mit Mittlerem Schulabschluss. Beim Übergang spielen aber vor allem ihre Schulabschlüsse und Noten eine Rolle. Arbeitgeber sind auf einem Auge blind: Unterschiede in Kompetenzen und Persönlichkeitseigenschaften, die über Schulabschluss und Noten hinausgehen und damit in den Bewerbungsunterlagen nicht sichtbar sind, bleiben unentdeckt. Es gibt also unter jenen Jugendlichen ohne Mittleren Schulabschluss deutlich mehr Ausbildungsfähige und -willige, als schließlich einen Ausbildungsplatz bekommen. Diesen Jugendlichen fehlt also gerade nicht die viel zitierte „Ausbildungsreife“. Benachteiligt sind sie durch die Gelegenheitsstrukturen, auf die sie treffen – das heißt durch die Auswahlverfahren und -kriterien der Betriebe sowie die Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit, wenn sie sich dort als ausbildungssuchend melden.

Unternehmen sollten also bei der Bewerberauswahl stärker nach den Entwicklungspotenzialen der Jugendlichen suchen. Hilfreich wäre es dafür, Verfahren zu entwickeln oder Gelegenheiten zu bieten, die es Betrieben erlauben, Potenziale unabhängig von Schulabschlüssen und Noten entdecken zu können. Eine Möglichkeit dafür bietet die Durchführung von Tests, beispielsweise durch die Industrie- und Handelskammern oder die Berufsschulen, deren Ergebnisse dann den Bewerbungsunterlagen beigelegt werden. So würden die Testergebnisse und üblichen schriftlichen Bewerbungsunterlagen als Auswahlkriterien den Betrieben zur Verfügung stehen. In der Schweiz ist dies heute oft schon üblich. Dort verlangen viele Lehrbetriebe als Teil der Bewerbung Resultate von Eignungstests. Eine Alternative sind längere Praktika als Teil des letzten Schuljahres. Auch diese erlauben es, unentdeckte Kompetenzen zu entdecken.

Weitere Informationen

WZBrief Bildung "Unentdeckte Kompetenzen. Jugendliche ohne Mittleren Schulabschluss finden schwer einen Ausbildungsplatz"