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Quelle der Nachhaltigkeit: Auszubildende an Unternehmensentwicklung beteiligen

Leute schauen auf Pinnwände
© BBW Wittenberg / ANLIN

Frischer Wind in alten Räumen - dafür sorgen junge Leute Jahr für Jahr, wenn sie neugierig in ihre Ausbildung starten. Wie dies für eine nachhaltige Berufs- und Unternehmensentwicklung genutzt werden kann, zeigen Projekte von Auszubildenden, die im Rahmen des Modellversuchs ANLIN entstanden sind.

Ausbildung ist eine Investition in die Zukunft. Soll sie sich schnell bezahlt machen oder langfristig wirken? Soll sie auf die heutigen Anforderungen ausgerichtet sein oder für die eigenverantwortliche Arbeit in künftigen Arbeitswelten befähigen? Und was haben diese Fragen mit Nachhaltigkeit zu tun?

Für einen langfristigen Unternehmensbestand sind Veränderungen, Anpassungen und Weiterentwicklungen die wichtigste Grundlage. In den alltäglichen Routinen werden die Chancen dafür leider oft übersehen. Auszubildende haben aber gerade zu Beginn ihrer Ausbildung einen unverstellten Blick auf die Organisation, die Prozesse und die Produkte im Unternehmen. Dieses Potenzial für eine nachhaltige Entwicklung der Unternehmen zu nutzen, ist Aufgabe aller an der Ausbildung Beteiligten.

Der Modellversuch „ANLIN – Ausbildung fördert nachhaltige Lernorte in der Industrie“, der vom BIBB mit Mitteln des BMBF gefördert wird, verknüpft deshalb Qualifizierung mit Organisationsentwicklung. Dabei werden zuerst Ausbildende und Ausbildungsverantwortliche in drei aufeinanderfolgenden Modulen zum Thema Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung geschult. Sie übernehmen anschließend den Wissenstransfer an die Auszubildenden und eröffnen ihnen Möglichkeiten, sich an der nachhaltigen Entwicklung ihrer Lernorte zu beteiligen.

Über fünf Monate begleiteten die Ausbilder und Ausbilderinnen des Bildungszentrums für Beruf und Wirtschaft e. V. (BBW) in der Lutherstadt Wittenberg die Nachhaltigkeitsprojekte der Auszubildenden. Sie integrierten relevante Themen in ihre Unterweisungen, stellten Kontakte zu beratenden Fachkräften her und motivierten die Auszubildenden zum Weitermachen, wenn es zu Rückschlägen oder Verzögerungen kam. In den drei Bereichen Chemie, Metall und Elektro vermittelten auf diese Weise sechs Ausbilder und Ausbilderinnen insgesamt 42 Auszubildenden ausbildungsbegleitend die Kompetenzen, im Team eigenverantwortlich und lösungsorientiert ein konkretes Projekt zu planen, durchzuführen und auszuwerten.

Darüber hinaus standen die Geschäftsführerin, der Betriebsrat, die Fachkraft für Arbeitssicherheit, die Qualitätsmanagementbeauftragte und die beiden ANLIN-Projektmitarbeiterinnen den Auszubildenden mit Antworten und Unterstützung zur Seite. Den Auszubildenden wurde dadurch klar, wie die verschiedenen Bereiche im Unternehmen miteinander verzahnt sind. Ihr Verständnis für die Vernetzung der Mitarbeitenden und die notwendigen Abstimmungen wurde vertieft, ihr Organisationstalent auf eine harte Probe gestellt. Termine mit Fachspezialisten und Verantwortlichen mussten von den Auszubildenden vereinbart, vorbereitet und eingehalten werden, zugesagte Berichte mussten sie erstellen und abliefern. Ihr kritisches Denken, ihre Beharrlichkeit und ihre Fähigkeiten zum selbstbestimmten Lernen wurden durch kleine Rückschläge, Abfragen und den bestehenden Zeitdruck gefördert.

Am Ende stieg das Lampenfieber. An drei verschiedenen Tagen im Juni 2018 stellten jeweils drei bis vier Gruppen ihr Nachhaltigkeitsprojekt vor Vertretern aus ihren Betrieben, ihren Berufsbildenden Schulen und dem BBW vor. Die Themen waren dabei breit gefächert:

  • Elektromobilität (1)
  • Gesunde Kantine
  • Intelligente Heizungssysteme
  • Informationssystem zum Ausbildungsdurchlauf
  • Effiziente Werkstattbeleuchtung
  • Windkraft in Betriebsgröße
  • Anpassung der Arbeitszeit an ÖPNV
  • Fit in Erster Hilfe
  • Hörschutz und Sprechfunk kombinieren (2)
  • Vakuumpumpen im Labor
  • Gesunder Snackautomat

Die Art und Weise sowie der Umfang der Präsentationen waren den Auszubildenden vollkommen freigestellt. Ihnen standen alle technischen und methodischen Möglichkeiten der Moderation in einem großen Schulungsraum und auf dem Pausengelände im BBW zur Verfügung. Sie wählten überwiegend Powerpoint-Präsentationen, teilweise um Vorführungen ergänzt. Darin stellten sie den Projektablauf dar, beschrieben ihre Vorgehensweise zur Ermittlung notwendiger Daten und sprachen auch ganz offen über die Hürden, die sie nehmen mussten. Diese lagen nicht in der Hemmschwelle, Führungskräfte anzusprechen oder Mitarbeiterumfragen mit dem Betriebsrat abzustimmen. Es war tatsächlich die Überzeugungskraft gegenüber Dritten wie Anbietern von technischen Anlagen, als Auszubildende eine ernsthafte Projektaufgabe selbstständig bearbeiten zu können. Und natürlich war es ganz zum Schluss die sichtbare Aufregung, vor versiertem Publikum frei zu sprechen. (Es ist ihnen sehr gut gelungen!)

(1) Projekt „Elektromobilität“

Idee: Der Bildungsträger verfügt über Photovoltaik-Anlagen. Bisher wird der erzeugte Strom ins Netz eingespeist. Höhere CO2-Minderung könnte durch konkrete Nutzung erreicht werden.

Projektziel: Prüfung der Nachfrage nach Elektromobilität im Bildungszentrum und Kosten-Nutzen-Betrachtung für eine Elektro-Ladestation.

Umsetzung: Mitarbeiter- und Teilnehmerumfrage zu E-Bikes und E-Autos, Varianten- und Kosten-Abfragen bei Herstellern bzw. Installateuren, Prüfung von Fördermöglichkeiten

Ergebnis: geringe Nachfrage, Kosten und Nutzen sind derzeit noch unausgewogen, Fördermöglichkeiten erfordern öffentlichen Zugang

(2) Projekt „Hörschutz und Sprechfunk kombinieren“

Idee: Das Unternehmen nutzt Hörschutz und separaten Sprechfunk auf dem sehr weitläufigen Gelände. Bei der Wartung der Industrieanlagen führt dies zu Einschränkungen durch schlechtes Annehmen und Beantworten von Rückfragen.

Projektziel: Prüfung der Möglichkeit, Funk und Hörschutz zu kombinieren

Umsetzung: Varianten- und Kosten-Abfragen bei Herstellern bzw. Akustikern, Prüfung der Handhabbarkeit an Leihexemplaren, Abstimmung mit FASI und Betriebsrat

Ergebnis: Lösungsvarianten präsentiert; betrieblichen Verbesserungsvorschlag angestoßen

Präsentation des Auszubildenden-Projekts zur Arbeitszeit
Präsentation des Auszubildenden-Projekts zur ArbeitszeitBBW Wittenberg / ANLIN

Was bleibt, sind elf gute Ideen für eine nachhaltige Verbesserung der Lernorte und fünf Unternehmen, zwei Berufsschulen sowie das BBW, die von der Motivation, Beteiligung und Begeisterungsfähigkeit ihrer Auszubildenden sehr beeindruckt sind.

Was folgt, ist die Bewertung der Ideen auf Umsetzbarkeit im BBW und in den Betrieben. Dazu wird es noch im September 2018 abschließende Gespräche der Geschäftsführung mit den Auszubildenden geben. In diesem Rahmen werden sie dann auch ihre Zertifikate erhalten, die ihnen bescheinigen, nun „Juniorexpert/-in für Nachhaltigkeit im Betrieb“ zu sein.

Für Interessierte besteht die Möglichkeit, uns persönlich zu treffen und von unseren Erfahrungen zu profitieren. Besuchen Sie unsere Transferkonferenz am 29.11.2018 in Lutherstadt Wittenberg. Wir laden Sie herzlich dazu ein.

Weitere Informationen

Weitere Informationen zum Modellversuch ANLIN finden Sie unter https://qfc.de/anlin/.

Kontakt:
Freia Polzin
Qualifizierungsförderwerk Chemie GmbH
Sitz: Königsworther Platz 6
30167 Hannover
Tel. +49 511 7631-252

Büro: Halle (Saale)
Eisenbahnstraße 3
06132 Halle (Saale)
Tel. +49 345 21768-35

freia.polzin@qfc.de