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Praxisnaher Werkzeugkoffer zum nachhaltigen Wirtschaften und Ausbilden

Grafik Sustainability
© patpitchaya - Fotolia.com

Das Projekt GEKONAWI zieht eine positive Bilanz für die Fortbildung „Geschäftsmodell- und Kompetenzentwicklung für nachhaltiges Wirtschaften im Einzel-, Groß- und Außenhandel“. Ein erprobter, praxisnaher Werkzeugkoffer zum nachhaltigen Wirtschaften und Ausbilden steht Teilnehmenden zur Verfügung.

Was macht unser Unternehmen für die Zukunft robust? Und was kann die betriebliche Ausbildung und Kompetenzentwicklung aller Mitarbeiter/-innen zur Zukunftsfähigkeit unseres Unternehmens beitragen? Mit diesen Fragen startet die Modulfortbildung „Geschäftsmodell- und Kompetenzentwicklung für nachhaltiges Wirtschaften im Einzel-, Groß- und Außenhandel“. Obwohl diese Fragen den Kern jeder unternehmerischen Tätigkeit und Ausbildung betreffen, werden sie im laufenden Tagesgeschäft selten gestellt. Der hohe Wettbewerbsdruck, der gerade im Handel mit seinen sich schnell ändernden Märkten, neuen Kundentrends und technologischen Entwicklungen herrscht, stellt insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen vor große Herausforderungen. Wie man diesen Herausforderungen mit ökologisch, sozial und wirtschaftlich verantwortlichen Geschäftsmodellen begegnen kann, das wurde in mehreren Durchführungen des Fortbildungsangebotes ausgelotet. Als Schlüsselstrategie der Entwicklung solcher nachhaltigen Geschäftsmodelle wurde die Kompetenzentwicklung identifiziert, die nicht – wie häufig angenommen – bei den Führungskräften, sondern insbesondere auch beim Ausbildungspersonal, bei Auszubildenden und bei Mitarbeiter(inne)n im Tagesgeschäft ansetzt.

Anspruchsvoll aber zielführend: Erste Bilanz der Durchführungen

In vier Modulen erproben die Teilnehmer/-innen der Fortbildung einen umfangreichen strategischen Werkzeugkasten. Die Strategiewerkzeuge reichen von Überlegungen, wie das eigene Unternehmen 2025 aussehen soll bis hin zur Frage, wie Auszubildende und Mitarbeiter/-innen in nachhaltigkeitsorientierten Geschäftsprozessen und Tagesroutinen partizipieren können. Dabei wird nicht nur immer tiefer ins Detail gegangen, sondern auch die einzelnen Bausteine und Schritte der Module untereinander verknüpft. Das Geschäftsmodell bleibt damit nicht das zentrale Instrument nur der Geschäftsleitung, oder Kompetenzentwicklung von Mitarbeiter(inne)n und Auszubildenden nur ein Aufgabengebiet der mittleren Führungsebene. Tatsächlich ist das Ziel, die Instrumente so einzusetzen, dass alle Beschäftigten eines Betriebes Innovationen, Neuausrichtungen oder Leitvorstellungen aktiv mitgestalten können und damit ihr eigenes Unternehmen für die Zukunft robust machen.

Zentraler Bestandteil des ersten Moduls ist ein Instrument zur Entwicklung von „Geschäftsmodellen für nachhaltiges Wirtschaften“ (kurz: Gemo.NaWi). Nachhaltige Geschäftsmodelle bilden Annahmen ab, nach denen sich Unternehmen künftig strategisch ausrichten, mit dem Ziel die Existenz ihrer Unternehmung zu sichern und ihre Wettbewerbsfähigkeit und Innovationsfähigkeit auszubauen. Die Gemo.NaWi umfasst fünfzehn Leitfragen, die nach den Dimensionen Finanzen, Nutzen, Kunden, Wertschöpfung, Partner und Unternehmensumwelt sortiert sind und auf nachhaltiges Wirtschaften ausgerichtet sind. Methodisch lassen sich so Geschäftsmodelle ganzheitlich, aber auch kreativ und diskursiv entwickeln. Im Hinblick auf die betrieblich-berufliche Bildung sind Geschäftsmodellierungen wichtige Lerngegenstände, weil sich über sie Handlungsalternativen, -zusammenhänge und -wirkungen beschreiben, erklären und gestalten lassen.

Die Umsetzung und Operationalisierung der Geschäftsmodelle im beruflichen Handeln und in Geschäfts- und Arbeitsprozessen ist Gegenstand des zweiten Fortbildungsmoduls. Hierzu kommt ein Instrument zur Modellierung, Bewertung, Reflexion und Gestaltung von Geschäftsprozessen für nachhaltiges Wirtschaften (kurz: Gepro.NaWi) zum Einsatz. Die Gepro.NaWi sieht eine Modellierung und Vorbereitung der Umsetzung von nachhaltigen Geschäftsmodellen in drei Schritten vor, die von der Erstellung eines Wertschöpfungsnetzwerkes, Prozessdiagrammen bis zur (Re-)Modellierung von Geschäftsprozessen in konkrete berufliche Handlungssituationen reicht. In den Fortbildungen wurden vor allem kundennahe Prozesse wie Kundenberatung, Warenpräsentation, Afters Sales oder Online-Shopping unter Nachhaltigkeitskriterien beleuchtet, aber auch die Sicherstellung der Transparenz und Glaubwürdigkeit von Nachhaltigkeitszertifizierungen in der Lieferkette kritisch diskutiert. Dabei haben die Teilnehmer/-innen sehr innovative Prozesse modelliert, die sie in ihren Betrieben erproben möchten.

Nahtlos knüpft das dritte Modul an diesen Ergebnissen an: Mit einem Konzept für „Lernförderliche Arbeitsplätze und -prozesse in der BBNE“ (Arbeit.NaWi) entwerfen die Teilnehmer/-innen der Fortbildung Maßnahmen zur Beförderung des Nachhaltigkeitslernens im Prozess der Arbeit. Impulse zur Entwicklung dieser Maßnahmen erhalten sie durch Theorie- und Konzeptannahmen zum selbstgesteuerten Lernen, zur Selbstbestimmungstheorie der Motivation und der Entrepreneurship Education – letztere vor allem als Impulse für die Förderung beruflichen Nachhaltigkeitshandelns. Das zweite Instrument zielt auf die Gestaltung von „Lern- und Arbeitsaufgaben für nachhaltiges Wirtschaften“ (Auf.NaWi) ab. Als konzeptuelle Basis dient hier zum einen eine auf Mitgestaltung und Selbstlernen zielende Aufgabendidaktik. Zum anderen liegen dem Instrument kompetenztheoretische und handlungsregulatorische Annahmen zugrunde. Die Teilnehmer/-innen wählen eine Arbeitssituation aus, die für die Entwicklung oder Umsetzung des Geschäftsmodells und der Geschäftsprozesse für nachhaltiges Wirtschaften relevant ist. Anschließend werden Kompetenzausprägungen anhand von Checkfragen in ein Kompetenzmodell eingetragen. Dabei sollen Kompetenzen definiert werden, die für die kompetente Bewältigung der Arbeitssituation notwendig sind und im besonderen Maße befördert werden sollen. Am Ende wird aus den Vorarbeiten eine konkrete Aufgabenstellung formuliert, die im Betrieb zum Einsatz kommen kann.

Das vierte Modul besteht aus einer fünfschrittigen Methode zur Kompetenzbilanzierung für nachhaltiges Wirtschaften (Kobi.NaWi), die systematisch den Zusammenhang zwischen Geschäftsmodellen und Kompetenzen für nachhaltiges Wirtschaften operationalisiert und die Ergebnisse und Annahmen aus den vorangegangenen Modulen zusammenführt. Die Instrumente, die zu Anwendung kommen, reichen von der Entwicklung einer Stellenbeschreibung, der Erstellung von Kompetenz- und Rollenprofilen, der Analyse von Arbeitsaufgaben und Handlungssituationen bis hin zu einem leitfadengestützten Kompetenzentwicklungsgespräch. Gerade hinsichtlich des vierten Moduls kann festgehalten werden, dass mit dem fünfschrittigen Verfahren ein für die BBNE spezifiziertes Instrument der Beratung, Begleitung und Bewertung von Lernprozessen von Auszubildenden und Mitarbeiter(inne)n entstanden ist.

Fazit: Die Fortbildung liefert vier inhaltlich sehr umfangreiche und methodisch anspruchsvolle Module, die keine vorgefertigten Lösungen für die Zukunftsfähigkeit des Einzel-, Groß- und Außenhandels und dessen Ausbildung bieten. Vielmehr werden unterschiedliche Ansatzpunkte aus der strategischen Unternehmensführung, Entrepreneurshipforschung, Wirtschaftspädagogik und Ausbildungsdidaktik genommen, um über die systemischen Zusammenhänge im Unternehmen neu nachzudenken und Lösungsszenarien im Kontext nachhaltigen Wirtschaftens und Ausbildens nicht nur zu entwickeln, sondern diese auch gezielt umsetzen zu können. Eine große Herausforderung bestand nicht zuletzt darin, die unterschiedlichen Wissensstände und Berufserfahrungen der Teilnehmer/-innen aufzugreifen und einen für alle gewinnbringenden Austausch zu initiieren. Dass dies gelungen ist, zeigt die insgesamt positive Resonanz und Evaluation. Insgesamt nahmen bisher über 90 Personen an den Modulen teil. Es wurden insgesamt sieben Durchführungen mit Kooperationspartnern (Verband, Kammer, Einzelhandelsinitiative, Bildungsanbieter) sowie ein Inhouse-Workshop durchgeführt. Auch die langfristige Implementierung wird verfolgt, indem zwei Kooperationspartner bereits signalisiert haben, die Modulfortbildung in ihr reguläres Seminarangebot aufzunehmen.

Viel Material für Dozentenhandbücher

Pinnwand mit Zetteln
© Ulrike Schröder, HSU/UDB Hamburg

Dennoch bleibt weiterhin viel Überzeugungsarbeit im Handel, um das Zukunftsthema des nachhaltigen Wirtschaftens und Ausbildens zu etablieren. Nachhaltigkeit wird zwar im Handel zunehmend als wichtiger Wettbewerbsfaktor eingestuft, wird dadurch immerhin eine wirtschaftlich interessante Kundenzielgruppe bedient und ein tragfähiger Trend aufgegriffen. Nachhaltigkeit dabei aber nicht nur im Bereich neuer Sortimente und Produktpaletten zu begreifen, sondern als Leitbild für das gesamte unternehmerische Handeln, das ist die eigentliche Herausforderung.

So lässt sich für das Projekt GEKONAWI festhalten, dass die Durchführungen der Modulfortbildung reichlich Material für die nun anstehende Ausarbeitung des Lehr-/Lernmaterials in Form von Dozentenhandbüchern und Handreichungen für Ausbilder geliefert haben. Als besonders wertvoll erweisen sich dafür nicht zuletzt die vielen konstruktiven Rückmeldungen und Beurteilungen durch die Teilnehmer/-innen und Praxispartner. Nicht nur, dass sich die Forschungstrends zu Nachhaltigkeit im Handel bestätigt haben, auch die unmittelbaren Erfahrungen aus der Unternehmenspraxis bieten für die didaktische Aufbereitung vielfältiges Anschauungsmaterial. Nach Projektende wird die Fortbildung mit allen Unterrichtsmaterialien, Hintergrundinformationen und Fallbeispielen in Form von Handbüchern interessierten Dozenten und Dozentinnen sowie Ausbilder(inne)n als Open Educational Ressource zur freien Verfügung stehen.

Das Fortbildungsangebot ist Bestandteil des Förderprojektes GEKONAWI (Geschäftsmodell- und Kompetenzentwicklung für nachhaltiges Wirtschaften im Handel). Das Projekt wird vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.