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Der Nutzgarten als nachhaltiger Lernort im Gastgewerbe

Mitarbeiter im Gastgewerbe
© NL-G

Insbesondere Hotels können ein Zeichen gegen den Verlust von Biodiversität setzen. Im Projekt Nachhaltige Lernorte im Gastgewerbe (NL-G) wird gemeinsam mit einem Hotel ein Nutzgarten angelegt, der das Thema Biodiversität aufgreift und einen nachhaltigen Lernort für Gäste und Auszubildende schafft.

Gemeinsam mit dem Waldhotel Felschbachhof wurde Anfang 2018 der zweite Modellversuch im Projekt Nachhaltige Lernorte im Gastgewerbe (NL-G) gestartet. Vereinbart wurde die Implementierung des Themas Biodiversität in die betrieblichen Abläufe des Hotels. Gemeinsam mit der Gärtnerin, der Küche und der Hotelleitung wird der hauseigene Nutzgarten um den Anbau von alten und zum Teil längst vergessenen Gemüse- und Obstsorten erweitert. Ziel ist die Ergänzung des Speiseangebotes um den Aspekt der Biodiversität unter Einbeziehung der Veränderung der betrieblichen Handlungsabläufe. Der Nutzgarten wird zudem ab Sommer 2018 als eigenständiger Lernort für die betriebliche Ausbildung genutzt, um das Wissen, die Kenntnisse und Fertigkeiten der Auszubildenden im Bereich Biodiversität weiter zu entwickeln.

Anpflanzung von bedrohten und seltenen Nutzpflanzen im Frühjahr 2018
Anpflanzung von bedrohten und seltenen Nutzpflanzen im Frühjahr 2018© NL-G

Mit Start des Frühlingswetters wurden dafür Anfang April erste Gemüsesorten durch das in der Westpfalz gelegene Hotel gepflanzt. Ein Fokus liegt insbesondere auf Saatgut von Sorten, die von der Organisation Slow Food auf der “Arche des Geschmacks” gelistet sind – ein Projekt, welches regional wertvolle Kulturpflanzen schützt. Neben dem Gemüseanbau ist ebenfalls die Pflanzung von Obstbäumen vorgesehen. Dafür fand jüngst eine Geländebegehung unter fachkundiger Beratung von Herrn Dr. Zens (Gesellschaft zur Förderung naturnaher Obstwiesen und –weiden) statt. Neben Empfehlungen für die geplante Pflanzung alter Obstsorten erfuhren der Betrieb und das Projektteam viel über die ökologische Bedeutung von Streuobstwiesen, die zahlreichen Tier- und Pflanzenarten einen wertvollen Lebensraum bieten. Auch diese Aspekte sollen in die Gestaltung des Lernorts einfließen. Die nachhaltigkeitsbetonten Potenziale einer Bewirtschaftung der umliegenden Naturressourcen sollen hier als Modell für andere Unternehmen beispielhaft aufgeführt werden. Dies gelingt je nach Betriebsgröße auch im kleineren Umfang, indem z.B. Möglichkeiten für die Anpflanzung kleinerer Kräuterbeete mit alten, vom Aussterben bedrohten Sorten geschaffen werden. Auch die Beherbergung von Bienen oder die Patenschaften zu Streuobstwiesen für den hauseigenen Apfelsaft – all dies sind Möglichkeiten, die von Hotelunternehmen eigenständig initiiert werden können.

Neugestaltung der Streuobstwiese
Neugestaltung der Streuobstwiese© NL-G

Durch das Modellprojekt soll ein Beitrag für den Erhalt des Artenreichtums der Natur geleistet und ein Zeichen gegen die Entwicklungen in der industriellen Landwirtschaft gesetzt werden. Durch die Konzentration auf einige wenige ertragreiche Sorten ist ein steter Rückgang zahlreicher Nutzpflanzen zu beobachten. Unter dem Stichwort der Biodiversität macht das Projekt auf die Notwendigkeit von Artenreichtum für eine intakte Umwelt aufmerksam. Mit dem Verlust zahlreicher Obst- und Gemüsesorten verändert sich aber nicht nur das ökologische Gleichgewicht, auch die Vielfalt unterschiedlicher Geschmackserlebnisse und das Wissen über traditionelle Anbaumethoden gehen verloren. Biodiversität steht daher auch für das kreative Potenzial bei der Zubereitung von Speisen und fordert andere Standards bei der Ausbildung von Jugendlichen im Gastgewerbe ein.

Erster Entwurf für eine Beschilderung
Erster Entwurf für eine Beschilderung© NL-G

Der Nutzgarten steht allen Gästen und den Auszubildenden als ‚Nachhaltiger Lernort‘ zur Verfügung. Zurzeit wird an einer Beschilderung gearbeitet, die über die angebauten Sorten, deren Verwendungsmöglichkeiten und ökologischen Besonderheiten informiert.

Anpflanzung der ‚Kesselheimer Zuckererbse‘
Anpflanzung der ‚Kesselheimer Zuckererbse‘© NL-G

Im Modellprojekt Nachhaltige Lernorte im Gastgewerbe (NL-G) kooperiert die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn mit dem Zertifizierer für nachhaltigen Tourismus Viabono GmbH und verschiedenen Hotelbetrieben. Über die Ausrichtung gemeinsamer Workshops, Tagungen und Schulungen werden praxisnahe Handlungsstrategien in den einzelnen Abteilungen des Hotels zur Umsetzung nachhaltigen Handelns eigenständig entwickelt und anschließend erprobt. Aus den Erfahrungen der gelebten Praxis wird ein betriebliches Gestaltungskonzept für nachhaltige Lernorte im Gastgewerbe erarbeitet und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Für die Erarbeitung der Umsetzungsstrategien werden umfangreiche Arbeitsprozess- und Geschäftsprozessanalysen in weiteren Partnerbetrieben durchgeführt. Die Ergebnisse der Erprobungsphase werden in der letzten Phase evaluiert und auf deren Übertragbarkeit überprüft. Sämtliche Ergebnisse fließen in das Gestaltungskonzept ein, welches Handlungsempfehlungen für die Gestaltung Nachhaltiger Lernorte umfasst und sich an gastgewerbliche Betriebe unterschiedlicher Größe und Struktur richtet.

Weitere Informationen

http://nlg-berufsbildung.de