X
Logo

Perspektivwechsel: Erlebnis Ausbildung – Erlebnispädagogik im Kontext beruflicher Ausbildung

Outdoor-Erlebnispädagogik
© KoProNa

Nachhaltiges Denken und Handeln erfordert zunächst ein Um- und Neudenken. Den durch Routinen geprägten betrieblichen Alltag zu verlassen und Perspektivwechsel zuzulassen, kann neue Potenziale für praktisches Ausbildungshandeln erschließen. Ein Gewinn für alle, von der Geschäftsführung bis zu den Azubis.

Nachhaltigkeit im betrieblichen Alltag eines Unternehmens bedeutet, die Aspekte der Ökonomie, Ökologie und des Sozialen sinnvoll und langfristig in alle Unternehmensprozesse zu integrieren. Nachhaltiges Denken und Handeln bedarf im ersten Schritt eines bewussten Um- und Neudenkens auf allen Ebenen des Unternehmens, so auch in der betrieblichen Ausbildung. Den durch routiniertes Handeln geprägten betrieblichen Alltag zu verlassen, um in einer nicht alltäglichen Situation einen Perspektivwechsel zuzulassen, kann gewinnbringende Potenziale für das praktische Ausbildungshandeln erschließen.

Nachhaltigkeitsaspekte in der täglichen Praxis bewusst zu verankern, stellt Unternehmen vor diverse und damit auch vor individuelle Herausforderungen. Einen Weg, Veränderungsprozesse im Sinne einer nachhaltigen Organisationsentwicklung zu initiieren und zu verstetigen, bietet dabei die betriebliche Ausbildung. Jugendliche werden in ihrer Ausbildung in die bereits bestehenden betrieblichen (nachhaltigen) Prozesse eingeführt oder können diese gegebenenfalls selbst mitgestalten. Die betriebliche Ausbildung ist ein sozialer Prozess, in welchem dem betrieblichen Ausbildungspersonal eine Schlüsselrolle zukommt. Betriebliche Werte und berufliche Fachlichkeit werden durch sie an die Jugendlichen weitergegeben, sei es in betrieblichen Ausbildungssituationen, in Vieraugengesprächen oder einfach durch die Vorbildwirkung, die Ausbilder/-innen verkörpern. Eine berufliche Handlungsfähigkeit, erweitert um die Dimensionen der Nachhaltigkeit, strahlt in berufliche, gesellschaftliche und private Lebensbereiche. Folglich widmet sich der Modellversuch KoProNa, welcher vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird, der Professionalisierung des betrieblichen Ausbildungspersonals für eine nachhaltige berufliche Bildung.

Modell des Projekansatzes
Modell des Projektansatzes
(zum Vergößern auf die Grafik klicken)

Im Projektverlauf standen zunächst die individuellen Bedarfe und aktuellen Herausforderungen der teilnehmenden Unternehmen im Fokus, um so Ansatzpunkte für den Modellversuch zu finden. Dazu wurden Interviews mit dem Ausbildungspersonal oder Personalverantwortlichen vor Ort sowie ein Fotoprojekt mit den betrieblichen Auszubildenden durchgeführt.

Im Rahmen des Fotoprojektes wurden die Auszubildenden gebeten zu jeweils fünf Fragen eine vorgegebene Anzahl von Fotos in ihrem Ausbildungsbetrieb zu machen. Ziel des Fotoprojektes war unter anderem zu erfassen, wie Auszubildende ihren Ausbildungsbetrieb wahrnehmen, wo sich nach ihrer Ansicht die Unternehmenswerte zeigen und natürlich welches Nachhaltigkeitsverständnis sie besitzen.

Die Ergebnisse bilden unter anderem auch die Grundlage für betriebsinterne Projekte, die ab diesem Jahr (2018) starten werden. Begleitet wird dieser Prozess durch eine thematisch unterstützende Workshopreihe. Einer der Workshops steht unter dem Motto „Erlebnis Ausbildung – Erlebnispädagogik im Kontext beruflicher Ausbildung“, dieser soll hier mit entsprechender Konzeption, Durchführung und dessen Reflexion vorgestellt werden.

Insgesamt wurden drei Veranstaltungen des jeweils zweitägigen Workshops durchgeführt, bei denen wir insgesamt 21 Teilnehmende begrüßen durften. Die Durchführung erfolgte in naturnahen Hotels im Thüringer Wald sowie im Teutoburger Wald. Die einzelnen Bausteine des Workshops wurden gezielt ausgewählt und folgten im zeitlichen Ablauf bestimmten Zielstellungen.

 

Zielsetzungen des Workshops

1. Die Teilnehmenden lernen Erlebnispädagogik kennen und sammeln Erkenntnisse über:

  • Ziele erlebnispädagogischer Programme
  • Prinzipien und Setting der Erlebnispädagogik
  • (natursportliche) Medien der Erlebnispädagogik
  • (Gruppen-)Prozesse und Programmverlauf von erlebnispädagogischen Aktionen

2. Die Teilnehmenden erleben die Wirkung von Erlebnispädagogik und erfahren die Bedeutung von:

  • Beziehungsaufbau
  • Vertrauen
  • Ernstsituationen im pädagogischen Kontext

3. Übertragung erlebnispädagogischer Elemente in die betriebliche Ausbildungspraxis:

  • die Bedeutung von stabilen und belastbaren Beziehungen erkennen und transferieren können
  • die Bedeutung klarer Kommunikationsstrukturen
  • Lernortgestaltung und Settingsbau bewusst organisieren
  • Sensibilisierung und Wahrnehmung der eigenen Rolle

Konzeptionelle Ausgestaltung des Workshops

Erlebnispädagogik im Wald
© KoProNa
  1. Programmplan, Vorerfahrungen, Arbeitsweise
    Die Vorstellung der Teilnehmenden untereinander und die Darlegung des Ablaufplanes waren grundlegende Elemente der Workshops. Die Abfrage von Vorerfahrungen mit Erlebnispädagogik ergab, dass einige Unternehmen, bspw. mit ihren Auszubildenden, bereits erste Erfahrungen gesammelt hatten, andere betraten Neuland. Die Erlebnispädagogik arbeitet mit vielen Metaphern, Bildern und Modellen. Ein sehr wichtiges und zugleich grundlegendes stellt das Lernzonenmodell dar. Dieses Modell bestehend aus Komfortzone, Lern- oder Wachstumszone und Panikzone, verdeutlicht dabei, an welche Grenzen in pädagogischen Situationen gestoßen werden kann. Unter Furcht, Überforderung oder Panik kann kein Lernen mehr stattfinden. Gleichzeitig wird ebenfalls durch das Modell bildhaft klar, dass jeder Einzelne für sein Lernen selbst verantwortlich ist. Der Schritt in die Lernzone ist dabei ein individueller Prozess. Die Ausbilder und Ausbilderinnen erkannten schnell den Nutzen dieses Modells für ihre eigene pädagogische Praxis und konnten bereits zu diesem Zeitpunkt bestimmte Ausbildungssituationen im Rückblick besser deuten. Im weiteren Workshopverlauf diente dieses Modell als Grundlage in den pädagogischen Interaktionen.
  2. Vertrauensübungen und Beziehungsaufbau
    Es folgten erste Interaktionen, die dem Vertrauensaufbau dienten. Die Teilnehmenden führten sich gegenseitig mit verbundenen Augen über das Gelände oder gaben sich Halt im Pendel. Was Personen aus dem beruflichen oder auch privaten Umfeld tun könnten, um das eigene Vertrauen zu gewinnen, diskutierten die Teilnehmenden in der anschließenden Reflexion. Darauf aufbauend wurde dann die Bedeutung stabiler sozialer Beziehungen für die betriebliche Ausbildung in einem Vortrag dargelegt und die je individuelle betriebliche Willkommenskultur sowie die Begleitung der Auszubildenden während der gesamten Ausbildung vorgestellt und diskutiert.
  3. Kooperationsaufgaben und Gruppenphasen
    Eine Form erlebnispädagogischer Methoden stellen die Konstruktionsaufgaben mit Naturmaterialien dar. Mehrere Kleingruppen standen vor der Aufgabe, gemeinsam im Wald eine Bahn für einen Golfball zu konstruieren, welche bestimmte Anforderungen erfüllen sollte: ein Tunnel, zwei Richtungswechsel, ein Sprung und mindestens vier Meter lang. Während der Aufgaben konnten in der Beobachtung schon Rückschlüsse auf Gruppenprozesse gezogen werden. So stellte sich auch in der Reflexion für die Teilnehmenden die Frage, wer denn welche Rolle innehatte und wie diese ausgefüllt wurde. Im Anschluss daran wurde die Frage bearbeitet, welche Rückschlüsse sich für Ausbildungssituationen ziehen lassen? Dazu erfolgte ein kurzer theoretischer Input mit Blick auf die Gruppenphasen.
  4. Theoretische Grundlagen der Erlebnispädagogik
    Nach den ersten eigenen Erfahrungen mit Erlebnispädagogik, folgte eine tiefere theoretische Auseinandersetzung mit deren Zielen, Prinzipien und dem erlebnispädagogischen Setting. Subjektive Eindrücke konnten auf diese Weise mit theoretischen Grundlagen untermauert werden.

  5. Außeralltäglichkeit Erleben
    Es mag zunächst verwundern, warum eine nächtliche Wanderung, ohne Leuchtmittel oder Handy, mit erwachsenen Personen auf dem Programmplan stand. Dabei bieten gerade Nacht- oder Kletteraktionen sehr ursprüngliche und unmittelbare Erlebnishorizonte, die subjektive echte Grenzerfahrungen bieten und somit tiefgehende Reflexionsprozesse auslösen können. Nach einer kurzen sicherheitsrelevanten Einweisung, folgten auf der Dunkelheits-Wanderung eine Besinnungsphase und ein Sololauf. Insbesondere hier zeigte sich für jeden ganz individuell und spürbar, was Außeralltäglichkeit bedeutet und welche Auswirkungen derartige Interaktionen auf das Gruppengefüge haben können. Diese Aktion verdeutlichte den Teilnehmenden noch einmal mehr die Bedeutung des Lernzonenmodells. Der Beginn einer betrieblichen Ausbildung, birgt für Jugendliche ebenso Ungewissheit, Unsicherheit sowie eine Form der Außeralltäglichkeit. Dies verdeutlichte auch den Ausbildenden erneut, dass der Übergangsprozess von Schule in den Betrieb Anleitung bedarf sowie Befürchtungen und Erwartungen entsprechend kommuniziert werden müssen.

  6. Natursport: Kistenklettern und Klettern an Niedrigseilelementen mit Ausbildern und Ausbilderinnen
    Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten auch auf natursportliche Weise gefordert werden. Dazu fand am zweiten Tag das Klettern auf Kisten sowie ortsabhängig das Begehen eines Niedrigseilelements statt. Vorab erfolgte eine Einweisung in die persönliche Schutzausrüstung und das verwendete Klettermaterial. Weiter wurden beim Aufbau des Niedrigseilelementes drei Expertengruppen gebildet. Wobei jede Gruppe für je ein Bauteil mit den dafür benötigten Informationen ausgestattet wurde. Die Aufgabe bestand darin, dass alle drei Gruppen mit ihrem jeweils exklusiven Wissen für ein Bauteil, aus diesen zu einem Ganzen zusammengebaut werden sollte. Beim Hochseilklettern sicherten sich die Teilnehmenden, nach vorheriger Einweisung gegenseitig und konnten so erfahren, was es bedeutet Verantwortung für den Kletternden zu übernehmen oder als Kletternder Verantwortung abzugeben. Klare Kommunikation sowie eindeutige Absprachen sind beim Klettern, jedoch ebenso in der betrieblichen Ausbildung, von grundlegender Bedeutung. Vertrauen bildet dabei das Fundament dieser sozialen Beziehung. Durch die vorherigen gemeinsamen Interaktionen wurde diese Basis geschaffen. Die Teilnehmenden erkannten auch hier weitere Potenziale für ihre eigene betriebliche Praxis.

  7. Transfer in die betriebliche Praxis
    Wie kann es gelingen, die betriebliche Praxis durch erlebnispädagogische Methoden anzureichern? Jugendliche in der Ausbildung zu motivieren, ihnen die Aufgabenstellungen gut zu erklären und sie auch in schwierigen Situationen zu begleiten, sind wesentliche Aufgaben von betrieblichem Ausbildungspersonal. Eine gute Beziehung zu den Auszubildenden ist dabei von fundamentaler Bedeutung. Gemeinsam wurde diskutiert, wie die betriebliche Ausbildung abwechslungsreicher gestaltet werden könnte. Im Modellversuch ist vorgesehen, dass betriebliche Projekte mit Nachhaltigkeitsbezug durchgeführt werden. Auch dabei können die gewonnenen Erkenntnisse helfen, so zum Beispiel die Erfahrungen mit Gruppenprozessen.

Kistenklettern
© KoProNa

In der abschließenden Reflexionsrunde wurden verschiedene Ergebnisse, aber auch neue Erkenntnisse zusammengetragen. So wurde sehr deutlich, dass die Ausbilder und Ausbilderinnen sich während der zwei Tage sehr stark mit ihrer Rolle in der betrieblichen Ausbildung auseinandersetzten und verschiedene verinnerlichte Überzeugungen und Handlungsweisen in Frage stellten. Aus pädagogischer Sicht ist es enorm wichtig, die eigene Haltung sowie die eigene Wirkung immer wieder zu reflektieren. Im täglichen Ausbildungsgeschehen finden sich jedoch selten Freiräume für eine bewusste Reflexion. So ist auch ein Ergebnis, dass die Ausbilder und Ausbilderinnen diesen Workshopteil als eine wirkliche Bereicherung für ihre Ausbildungspraxis, aber auch für sich selbst sehen. Dies begründen sie nicht zuletzt damit, dass sie einige Aktionen sofort übertragen können.

Stabile Beziehungen und eine reflektierte pädagogische Haltung können für die Gestaltung von nachhaltigen Lernorten grundlegend sein. In einer qualitativen Untersuchung werden die Teilnehmenden des Workshops zu Wirkungen und Veränderungen in ihrer individuellen Praxis befragt.