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Ausbilden mit der Leittextmethode

Ausbilder mit Auszubildenden
© ehrenberg-bilder - Fotolia.com

Das Leittextkonzept ist eine vielfach angewandte Ausbildungsmethode. Sie vermittelt sehr gut sogenannte Schlüsselqualifikationen, die Auszubildende zu selbstständigem Planen, Durchführen und Kontrollieren ihrer Arbeit befähigen.

Das Grundprinzip der Leittextmethode

Der Ausbilder stellt eine schriftliche Arbeitsaufgabe, die als Problemstellung formuliert ist. Die Auszubildenden lösen die Aufgabe weitgehend selbstständig mit Hilfe von Begleitmaterial, das ihnen Hinweise zum Lösungsweg und die dazu notwendigen fachlichen Informationen gibt. Dieses Material bezeichnet man als Leittext.

 

Welche Vorteile bietet die Arbeit mit Leittexten den Auszubildenden?

Die Auszubildenden lernen, ihre Arbeit selbstständig zu planen, durchzuführen und zu kontrollieren. Die Arbeitsaufgaben sind praxisbezogen und schließen die Erarbeitung der dazugehörigen theoretischen Themen ein. Somit erwerben sie ihre Kenntnisse handlungsorientiert.

Sie arbeiten in Gruppen und lernen daher, den Arbeitsprozess gemeinsam zu strukturieren und ihre Tätigkeiten aufeinander abzustimmen, d.h. sie arbeiten teamorientiert.

Die Bewertung ihrer Arbeit führen sie zunächst selbst durch. Dazu verwenden sie geeignete Maßstäbe und Kriterien, die sie ggf. in der Planungsphase selbst entwickelt haben. Gemeinsam mit dem Ausbilder werten sie anschließend den Arbeitsprozess und das Ergebnis aus und entwickeln daraus neue Aufgaben.

Welche Vorteile bietet der Einsatz der Leittextmethode dem Ausbilder?

Zwei Azubis bei der Teamarbeit
© ehrenberg-bilder - Fotolia.com

Mit der Erstellung von Leittexten entlastet sich der Ausbilder von wiederholter Wissensvermittlung und gewinnt Zeit, sich den individuellen Lernfortschritten und -schwierigkeiten der Auszubildenden zuzuwenden.

 

Worin unterscheidet sich die Leittextmethode von der 4-Stufen-Methode?

Die traditionelle 4-Stufen-Methode ist ausbilderzentriert; der Ausbilder gibt Informationen und Problemlösungen weitgehend vor.

Bei der Leittextmethode dagegen löst der Auszubildende die ihm gestellten Aufgaben möglichst eigenständig; dabei tritt der Ausbilder in den Hintergrund und übernimmt die Rolle des Lernberaters.

 

Vergleich der Leittextmethode mit der 4-Stufen-Methode:

4-Stufen-Methode
 Leittextmethode
 Erklären  Selbstständiges Informieren
 Vormachen  Selbstständiges Planen
 Nachmachen  Selbstständiges Durchführen
 Üben  Selbstständiges Kontrollieren

 

Wie kann man sich den Ablauf einer Arbeitsaufgabe mit Unterstützung eines Leittextes vorstellen?

Informieren
Die Auszubildenden erarbeiten die zur Planung und Durchführung ihrer Aufgabe erforderlichen Informationen selbstständig. Leitfragen strukturieren dabei den Suchprozess.

Planen
Die Auszubildenden erstellen mit Hilfe eines Leittextes selbstständig einen Arbeitsplan für ihre Aufgabe.

Entscheiden
Im Fachgespräch mit dem Ausbilder werden die bearbeiteten Leittexte und erarbeiteten Entscheidungsvorlagen durchgesprochen. In dieser Phase überprüft der Ausbilder, ob sich die Auszubildenden die erforderlichen Kenntnisse angeeignet haben.

Ausführen
Die Auszubildenden führen die Ausbildungsaufgabe entsprechend dem Arbeitsplan gemeinsam oder arbeitsteilig aus.

Kontrollieren
Die Auszubildenden kontrollieren und bewerten ihr Arbeitsergebnis selbst. Sie verwenden dazu ggf. ihre in der Planungsphase selbst entwickelten Instrumente.

Auswerten
Die Auszubildenden werten den Arbeitsprozess und das Ergebnis ihrer Arbeit zusammen mit ihrem Ausbilder aus. Dieses Gespräch kann der Ausbilder zur Entwicklung und Formulierung neuer Ziele und Aufgaben nutzen und damit den Kreis schließen.

Wie ist ein Leittext aufgebaut?

Grundsätzlich besteht der Leittext aus vier Bausteinen:

1. Leitfragen
Die Leitfragen bilden den zentralen Baustein des Leittextes. Sie leiten die Auszubildenden an, sich selbst gezielt Informationen zu beschaffen und einen Arbeitsplan für die gestellte Aufgabe zu entwickeln. Die Fragen sollten schriftlich beantwortet werden, um dem Ausbilder Hinweise auf den Lernfortschritt und mögliche Schwierigkeiten zu geben.

2. Arbeitsplan
Der Arbeitsplan wird von den Auszubildenden selbständig entwickelt und mit dem Ausbilder besprochen. Hilfreich kann dabei ein Formblatt sein, in das die geplanten Arbeitsschritte und die dazu notwendigen Materialien, Werkzeuge und Maschinen eingetragen werden.

3. Kontrollbogen
Der Kontrollbogen wird von den Auszubildenden zur Beurteilung des Arbeitergebnisses eingesetzt. Er enthält die für die Aufgabenstellung relevanten Qualitätsmerkmale, die ggf. von den Auszubildenden selbst erstellt worden sind.

4. Leitsatz
In ihm sind alle Informationen zusammengestellt, die zur Lösung der Aufgabe benötigen werden. Der Umfang des Leitsatzes ergibt sich vor allem aus Art und Komplexität der Aufgabe. Selbst entworfenes Informationsmaterial zu neuen Fachinhalten kann eine gute Lernhilfe darstellen. Es sollten jedoch auch Handbücher, Tabellen, Zeichnungen und Fachliteratur bereitgestellt werden, wenn die Auszubildenden dieses Material selbständig erschließen können. 

 

Einen Leittext selbst erstellen, wie geht man dabei vor?

Wenn Sie sich dazu entschlossen haben, Leittexte selbst zu erstellen, so sollten Sie zielgerichtet und systematisch vorgehen:

  1. Planung einer Arbeitsaufgabe
    Wählen Sie zuerst ein geeignetes Thema aus, das auf dem Ausbildungsstand Ihrer Auszubildenden aufbaut. Entwickeln Sie daraus eine konkrete Arbeitsaufgabe, die in einem überschaubaren Zeitrahmen zu bewältigen ist.
  2. Strukturierung der Arbeitsaufgabe
    Legen Sie den Arbeitsverlauf fest. Gliedern Sie ihn dann in eine Abfolge einzelner Arbeitsschritte.
  3. Zuordnung von Kenntnissen
    Ordnen Sie den Arbeitsschritten die Kenntnisse zu, die Ihre Auszubildenden zur Durchführung der Arbeit benötigen.
  4. Zusammenstellung von Info-Quellen
    Stellen Sie Informationsmaterial zusammen, das zum Erwerb der Kenntnisse notwendig ist. Sie können dazu sowohl selbst erstellte Texte, Zeichnungen oder Tabellen als auch vorhandenes Ausbildungsmaterial wie Fach- und Tabellenbücher sowie Handbücher verwenden.
  5. Formulierung von Leitfragen
    Formulieren Sie Leitfragen, mit denen Sie Ihre Auszubildenden veranlassen, mit Hilfe des zugehörigen Info-Materials die notwendigen Kenntnisse zu erwerben, die sie zur Durchführung der entsprechenden Arbeitsschritte benötigen.

Welche Regeln sind zu beachten?

  • Formulieren Sie die Fragen so, dass sie nicht lediglich mit Ja oder Nein beantwortet werden.
  • Stellen Sie nicht zu leichte Fragen. Sie sollten so beschaffen sein, dass zu ihrer Beantwortung die bereitgestellten Informationsquellen zu Hilfe genommen werden müssen und damit den Erwerb neuer Kenntnisse provozieren.
  • Achten Sie darauf, dass in den Fragen die Antworten nicht schon enthalten sind.
  • Beziehen Sie die Fragen auf die konkreten Arbeitsschritte. Sie verhindern damit, dass sie zu allgemein oder mehrdeutig werden.
  • Entwickeln Sie nicht zu komplexe Fragen. Die Auszubildenden sollen kurze Antworten geben und keine Aufsätze schreiben müssen.
  • Vermeiden Sie unverständliche Formulierungen. Wortwahl und Satzbau sollten dem Niveau der Auszubildenden entsprechen. Dies gilt besonders für ausländische Auszubildende mit geringen Deutschkenntnissen.
  • Beziehen Sie schon vorhandenes Wissen der Auszubildenden ein und bauen Sie darauf auf.
  • Verwenden Sie keine unbekannten Fachbegriffe, es sei denn, dass Sie ausdrücklich nach ihnen fragen und entsprechendes Info-Material zur Verfügung gestellt haben.
  • Stellen Sie keine Fragen, die von der Durchführung der zugehörigen Arbeitsschritte wegführen. 

Beispiele für Leitfragen

Person arbeitet mit Gewindeschneider
© alho007- fotolia.com

Im Folgenden finden Sie eine Auswahl guter und weniger guter Leitfragen mit einem Kommentar für den Arbeitsschritt "Ansenken vor dem Gewindeschneiden" innerhalb einer umfassenderen Arbeitsaufgabe.

"... damit die Schneiden des Gewindebohrers gleichmäßig in das Material eindringen können und ein ungleichmäßiges Anschneiden und Verkanten vermieden wird, soll der Gewindebohrer durch eine vorherige kegelige Senkung zentrisch geführt werden."

  • Was ist vor dem Gewindeschneiden zu beachten?
    Diese Frage ist zu allgemein, weil vor dem Gewindeschneiden alles Mögliche zu beachten ist.
  • Welche Bearbeitung muss zwischen Bohren und Gewindeschneiden ausgeführt werden?
    Diese Frage ist nur zur Wiederholung sinnvoll, denn sie setzt voraus, dass der Auszubildende die richtige Bearbeitung schon kennt.
  • Wodurch kann das Ansetzen des Gewindebohrers erleichtert werden?
    An dieser Frage ist gut, dass sie auf das zu lösende Problem hinweist. Sie ist aber für eine Erstvermittlung noch zu allgemein.
  • Beim Ansetzen des Gewindebohrers kommt es darauf an, dass die Schneiden von Anfang an gleichmäßig in das Material eindringen können. Durch welche vorbereitende Arbeit wird dies erleichtert?
    Durch diese Frage wird der Auszubildende recht gut an das Problem herangeführt.
  • Nach dem Bohren muss die Bohrung angesenkt werden. Warum ist dies notwendig?
    Diese Frage ist recht gut, weil sie eine Problemerklärung fordert. Weniger gut ist, dass das Senken als abschließende Arbeit des Bohrens und nicht als vorbereitende Arbeit des Gewindeschneidens dargestellt wird.
  • Zur Vorbereitung des Gewindeschneidens soll die Bohrung angesenkt werden. Warum ist dies notwendig?
    Diese Frage ist gut; sie kann durch intensives Nachdenken beantwortet werden, langes Herumsuchen ist überflüssig.
  • Zur Vorbereitung des Gewindeschneidens soll die Bohrung angesenkt werden. Warum reicht einfaches Entgraten nicht aus?
    Noch besser; mit dieser Frage wird erreicht, dass der Unterschied zur ähnlichen Tätigkeit des Entgratens erkannt wird.
  • Vor dem Gewindeschneiden muss angesenkt werden. Warum?
    Sehr knapp, aber für den Zweck durchaus ausreichend. 

In welchem Maße können Auszubildende ihre Arbeit selbst kontrollieren und auswerten?

Beispiel für einen vorstrukturierten Kontrollbogen
Beispiel für einen vorstrukturierten Kontrollbogen

Auch in dieser letzten Phase benötigen die Auszubildenden Ihre Hilfestellung. Stellen Sie ihnen schriftliche Anleitungen zur Verfügung, die sie zur selbstständigen Kontrolle und Bewertung ihrer Arbeit befähigen. Auch vorstrukturierte Kontrollbögen können dabei sehr hilfreich sein.

Vorstrukturierte Kontrollbögen dieser Art (siehe Abb.) werden häufig in der Ausbildung eingesetzt.

Dieses Material ermöglicht ihnen den Vergleich ihrer Arbeitsergebnisse mit den Vorgaben im Arbeitsauftrag unter der zentralen Frage: "Ist der Auftrag fachgerecht ausgeführt worden?"

Die Qualität des Endergebnisses wird auch durch den Verlauf der Arbeitsaufgabe beeinflusst. Um den Auszubildenden diesen Bezug zu verdeutlichen, kann die Kontrolle von Zwischenergebnissen vorteilhaft sein.

Die Auswertung der Arbeitsaufgabe erfolgt im Gespräch mit den Auszubildenden

Ausbilder im Gespräch mit Auszubildenden
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Veranlassen Sie die Auszubildenden dabei zu einem Vergleich ihrer eigenen Bewertung mit objektiven Gütemaßstäben.

Reflektieren Sie den Verlauf der gesamten Arbeitsaufgabe und entwickeln Sie Verbesserungsvorschläge für ein weiteres Vorgehen unter der Fragestellung:

"Was kann beim nächsten Mal noch besser gemacht werden?"