X
Logo

Teil 2 - Kompetenzen für die Industrie 4.0

Zusammenbau elektronischer Bauteile
© science photo - Fotolia.com

Es ist unstrittig, dass vernetzte Systeme und Technologien der genannten Art zu einem Wandel der Abläufe und Arbeitsformen – und damit auch der erforderlichen Kompetenzen – in den Betrieben führen werden. Wie rasch allerdings diese Veränderungen eintreten und wie tiefgreifend sie sein werden, ist derzeit schwer einschätzbar und zudem von Branche zu Branche und zeitweise sogar von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich. In manchen Bereichen wie z. B. der Druckindustrie hat die Digitalisierung bis hin zum digitalen Endprodukt bereits sehr umfassend stattgefunden. Alte Technologien, Arbeitsformen und Qualifikationsprofile wurden komplett ersetzt. Für andere Bereiche wird eher ein Nebeneinander traditioneller und neuer Qualifikationen erwartet.

Nach einer Studie des VDMA („Industrie 4.0 – Qualifizierung 2025“) unterscheiden sich die Einschätzungen der befragten Unternehmensvertreter zur Entwicklung der Industrie-4.0-Qualifizierung recht stark. Es zeigen sich drei Varianten:

  • Beim Szenario „Growing Gap“ geht die Schere zwischen Hoch- und Geringqualifizierten immer stärker auseinander.
  • Im Szenario „General Upgrade“ wird ein generell steigender Qualifikationsbedarf erwartet, also die Notwendigkeit einer höheren Qualifizierung für alle.
  • Und schließlich betont das Szenario „Central Link“ eher die wachsende Bedeutung der Facharbeiterqualifikation und der damit verbundenen spezifischen Beruflichkeit (1).

Wie gesagt: Ob und in welchem Maße Qualifikationen künftig entwertet werden oder neu zu entwickeln sind, hängt nicht zuletzt davon ab, wie umfassend und rasch ein Unternehmen seine Produktions-, Service- oder Vertriebsprozesse datentechnisch automatisiert und vernetzt.

Video: Kompetenzen für die Industrie 4.0

Neue Arbeitsformen in der Wirtschaft 4.0

Trotz gewisser Ungleichgewichtigkeiten dieser Entwicklungen lässt sich sagen, dass Unternehmen durch den Einsatz smarter Geräte und vernetzter Verfahren insgesamt „agiler“ werden: Prozesse und Entscheidungen können permanent neu ausgerichtet werden, Arbeit wird flexibilisiert und dynamisiert. Nicht automatisierbare Tätigkeiten werden immer wichtiger. Monotone bzw. einfache Tätigkeiten werden hingegen von intelligenten Systemen unterstützt bzw. ersetzt. Zugleich wird qualifizierte Arbeit spezialisierter.

Auch jenseits der industriellen Produktionshallen verändern die vernetzten Arbeitsmittel die Art und Weise des Arbeitens wesentlich. Folgende Aspekte sind dabei zu beobachten (2):

1. Zunahme projektorientierter Arbeitsformen:
„Agile“ Entwicklungsprozesse und hohe Serviceanforderungen bringen es mit sich, dass neue Anforderungen in immer kürzeren Zeiträumen flexibel umgesetzt werden müssen. Ähnlich wie in der Softwarebranche werden daher projektorientierte Arbeitsformen mit klar definierten Zielsetzungen, Budgets und Zeitrahmen zunehmen. Dabei kommen vernetzte Medien, virtuelle Kooperationsformen und Projektmanagementsysteme zum Einsatz.

2. Dezentrale Entscheidungsfindung und Leistungsbewertung durch Zielvorgaben:
Projektorientierung und Flexibilisierung führen dazu, dass das traditionelle Modell von Weisung und Kontrolle abgelöst wird durch eine eher dezentrale Entscheidungsfindung und Leistungsbewertung – unter Beteiligung verschiedener Funktionen und Rollen. Die Steuerung der Mitarbeiter findet stärker indirekt über Zielvorgaben und messbare „Key Performance Indicators“ (KPI) statt.

3. Veränderte Führungskulturen:

Damit einhergehend ändert sich auch das Führungs- und Managementverständnis. Statt streng hierarchischer Strukturen werden fachliche und unterstützende Führungsformen Einzug in die Unternehmen halten. Vorgesetzte werden zum „Coach“, dessen Rolle vor allem darin besteht, Probleme aus dem Weg zu räumen und zu beraten.

4. Teamarbeit: Projektorientierung und flexible Entwicklungs- und Serviceprozesse erfordern auch, in wechselnden Teams zu arbeiten, die sich häufig aus Personen mit unterschiedlichen Qualifikationen, Rollen und Interessen zusammensetzen. Dabei spielen im internationalen Zusammenhang nicht zuletzt auch kulturelle und sprachliche Unterschiede eine wichtige Rolle.

5. Abteilungsübergreifende Integration von Funktionen:

Während in der klassischen Unternehmensorganisation einzelne Funktionsbereiche relativ eigenständig und klar getrennt sind (z. B. Fertigung, Logistik, Vertrieb, Marketing, Finanzen und IT), ist die Wirtschaft 4.0 durch eine stärkere Verzahnung dieser Bereiche geprägt. Dies erfordert ein genaues Wissen über die vernetzten Prozesse sowie eine intensive Koordination.

6. Aufwertung von IT- und Software-Kompetenzen:

General-Electric-Chef Jeffrey Immelt wird die Aussage zugeschrieben, dass sich jedes Industrieunternehmen zu einem Softwareunternehmen entwickeln werde (3). Dahinter steht die Beobachtung, dass Software ein wesentlicher Bestandteil vieler Industrieprodukte ist und Softwareunternehmen oftmals eine Vorbildfunktion für andere Industriebereiche und Branchen übernehmen. Die IT wird künftig eine zentrale Rolle in allen Unternehmensbereichen spielen, sei es die Beschaffung und Herstellung, der Vertrieb oder das Marketing. Damit steigt der Anteil der Informationsverarbeitung und es wird auch ein besseres Verständnis dieser Systeme erforderlich, zum Beispiel für die Analyse der generierten Daten (Big Data).

7. Zunahme freiberuflicher und temporärer Arbeitsformen:
„Wirtschaft 4.0“-Unternehmen und -Betriebe werden nicht alle erforderlichen hochqualifizierten Fachkräfte beständig vorhalten können. Schon heute werden diese vermehrt „on demand“ von spezialisierten Anbietern „hinzugekauft“.

8. Qualitätssicherung:
Während die Qualität von Arbeitsprozessen bislang hauptsächlich durch Standards (SOPs) (4), Prozessnormen und Qualitätssicherungssysteme gewährleistet werden sollte, erlauben datenbasierte Systeme eine beständige Überwachung, Messung und Dokumentation. Dadurch wird eine höhere Transparenz der Arbeitsprozesse und Arbeitsleitungen möglich; Fehler, Abweichungen und Störungen können rascher erkannt und behoben werden.

9. Örtliche und zeitliche Flexibilisierung und höhere Autonomie:
Schließlich ermöglichen die beschriebenen Systeme größere Freiheitsgrade im Hinblick auf den räumlichen und zeitlichen Handlungsrahmen. Vernetzte Systeme können aus der Distanz gesteuert und gewartet werden, Kommunikation und Zusammenarbeit findet immer häufiger virtuell statt; Arbeitsaufträge können unabhängig von festen Arbeitszeiten im Betrieb bearbeitet werden. Damit wächst den Mitarbeitern auch eine höhere Autonomie zu. Das bedeutet jedoch auch: Sie müssen sich geänderten Anforderungen eigenverantwortlich stellen, sich situativ richtig verhalten und dafür entsprechend informieren.

Video: Interview (2/6)

Dr. Gert Zinke (BIBB), wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter für die BMBF-BIBB-Initiative Berufsbildung 4.0

„Was sind für Sie die wichtigsten Kompetenzen, die den Auszubildenden für Wirtschaft 4.0 vermittelt werden müssen?“

Ausschnitt Interview (18.07.2016 in Mönchengladbach)

 

Qualifikationserwartungen und -niveaus

Wie wirken sich die zuvor beschriebenen veränderten Arbeitsformen auf die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Mitarbeiter aus und wie können diese Kompetenzen – am besten bereits während der Erstausbildung – gezielt aufgebaut werden? Hierzu gibt es inzwischen eine Reihe von Studien und Befragungen, z. B. vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (5), von Jonas Gebhardt und anderen (6) oder auch vom VDMA (7). Darin wird vor allem für die Welt der gewerblich-technischen Produktion beschrieben, welche Qualifikationsanforderungen künftig relevanter werden.

Ohne hier auf die Ergebnisse dieser Untersuchungen im Einzelnen eingehen zu können – üblicherweise wird zwischen vier Qualifikationsniveaus unterschieden:

1. Beruflich-fachliche Kompetenzen
Zweifellos stellt auch in digital geprägten Arbeitsumwelten ein gründliches berufliches Fach- und Hintergrundwissen, gepaart mit praktischer Erfahrung, das Fundament jeglicher Berufsausbildung dar. Nahezu ebenso wichtig werden jedoch Fähigkeiten, die den Umgang mit IT und Software, mit Anwendungsprogrammen und automatisierten Systemen betreffen. Dabei geht es nicht nur um Basis-Know-how und die Nutzung digitaler Endgeräte, Apps, Web 2.0 und allgemeiner elektronischer Arbeitsmittel, sondern auch um anwenderorientierte Kenntnisse (CAD, CRM, ERP etc.) (8) sowie in manchen Bereichen auch um Expertenwissen für Entwicklung und Programmierung, Big Data und Robotik. Beispielhaft für diese Kompetenzebene ist im kaufmännisch-gewerblichen Bereich das Verständnis elektronischer Warenwirtschaftssysteme, digitaler Bezahlsysteme und die Beherrschung integrierter Unternehmenssoftwarelösungen. In der Landwirtschaft geht es zum Beispiel um die Steuerung und Prozessdatenerfassung der technischen Anlagen im Stall mit den zugehörigen Auswertungssystemen für das Monitoring.

2. Daten- und Projektmanagement
Zusätzlich zu den fach- und IT-bezogenen Kompetenzen rücken Fähigkeiten in den Vordergrund, die mit dem Management datenbasierter Systeme und Prozesse zusammenhängen. Dazu gehören Maschinen oder Geräte, aber auch vernetzte Arbeits- und Produktionsprozesse: von der Beschaffung bis zur Auslieferung. Hierfür stehen je nach Zweck unterschiedliche Hilfsmittel bereit: Sei es für das Workflow- und Projektmanagement, für die Dokumentation und Datenauswertung oder für den Austausch von Informationen und die Steuerung von Prozessen sowie zur Kommunikation mit Kunden und Partnern. Auch die Themen „Datenschutz“ und „Datensicherheit“ werden immer wichtiger, denn im globalen Netz ist die Pflege und Sicherung von Daten (z. B. von Personaldaten oder Forschungs- und Entwicklungsergebnissen) entscheidend. Beispiele für diese Kompetenzebene aus dem Vertrieb sind kundenindividuelle digitale Services und Angebote auf Basis der Analyse entsprechender Datenbestände – um dadurch maßgeschneidertes Direktmarketing und E-Commerce zu ermöglichen.

3. „Soft“-Skills
Unabhängig vom jeweiligen fachlichen und IT-Know-how werden kommunikative, soziale und organisatorische Kompetenzen, die Bereitschaft zu Projekt- und Teamarbeit sowie interkulturelle und sprachliche Kompetenzen immer wichtiger. Organisations-, Kommunikations- und Präsentationskompetenz werden ebenso unverzichtbar wie die Offenheit zum Wissensaustausch und die Fähigkeit zu virtueller Kooperation unter Verwendung elektronischer Plattformen und Medien. Hierfür sind Erfahrungen mit entsprechenden Kollaborationsplattformen, sozialen Medien/Web 2.0 und Projektmanagementtools unerlässlich.

4. Metakompetenzen
Schließlich geht es um sogenannte „Metakompetenzen“, die es Mitarbeitern ermöglichen, auf Problemstellungen autonom, flexibel und zuverlässig zu reagieren. Dazu gehört unter anderem die Bereitschaft, die individuellen Kenntnisse im Sinne des lebenslangen Lernens stetig zu erweitern sowie offen für Innovationen zu sein. In einer vernetzten Wirtschaft werden bestimmte Eigenschaften und Stärken, wie z. B. Kreativität, Eigenverantwortung, Selbstmanagement, informelles und formelles Lernen, Problemlösungsorientierung und Verlässlichkeit, zunehmend gefordert und auch belohnt.

weiter zu Teil 3: Ausbildung für die Industrie 4.0