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Welche Herausforderungen stellen sich im Umgang mit den Auszubildenden?

Ausbilder mit Auszubildenden
© industrieblick - Fotolia.com

Neben der Freude, die die Arbeit mit jungen Menschen mit sich bringt, berichteten viele der interviewten Ausbilder/-innen auch über belastende Erfahrungen mit ihren Schützlingen. Ein häufig geäußertes Problem ist, dass vom Betrieb gesetzte Regeln nicht eingehalten werden und es zu Verhaltensauffälligkeiten kommt, mit denen die Ausbilder/-innen teilweise schwer umgehen können. Sie können sich nicht mehr in die Jugendlichen einfühlen und stoßen an ihre Grenzen. Dies artikulieren sie selten direkt, aber es zeigt sich an der Emotionalität ihres Wortgebrauchs im Interview.

Kernaussagen:

1. Es gibt einen steigenden Betreuungsbedarf bei einer neuen Generation von Jugendlichen.

2. Das Verhalten vieler Auszubildenden – gleich welcher schulischer Qualifikation – wird für viele Ausbilder/-innen zunehmend unverständlicher. Es entstehen neue Belastungen, weil sie sich nicht mehr einfühlen können und an die Grenzen ihres sonstigen pragmatischen Sachverstands gelangen.

3. Es gibt einen besonderen Schulungsbedarf im psychologischen Umgang mit Auszubildenden.

Eine AdA-qualifizierte Hotelfachfrau Mitte Zwanzig, die in ihrem Unternehmen auch mit Jugendlichen konfrontiert ist, die als benachteiligt gelten, schildert ihre Ratlosigkeit angesichts dieser Situation:

„Ich habe mir da schon viele, viele Gedanken drüber gemacht, und ich suche auch oft Schuld bei mir, aber irgendwann habe ich mir gesagt, ‚Für die Erziehung der einzelnen Mädchen kannst du nichts. Wenn die so erzogen worden sind, dann ist es halt so!‘ Manchmal, da halten sie sich nicht an die Regeln, der Krankenschein kommt fünf Tage zu spät und man geht nicht in die Schule. […] Manchmal kommen die Koch-Azubis rein, die sagen einem nicht mal die Tageszeit. Da könnte ich ausrasten, so. Früher war es wirklich einfacher, da waren die auch ganz anders, also ich wurde ganz anders erzogen als die jetzt. […] Die nehmen alles auf die leichte Schulter. […] ‚Ausbildung, also da gehe ich hin, kriege mein Geld und so drei Monate vor der Prüfung kriege ich Panik und dann müssen alle ran.‘ Aber sonst, ‚Ach, komme ich heute nicht, komme ich morgen.‘ Manchmal, also nicht bei allen, aber bei vielen.“

Die Ausbildungsleiterin des untersuchten Chemie-Industrieparks betonte, der „erzieherische Auftrag“ sei über die vergangenen Jahre immer wichtiger geworden: „Denen müssen Sie ja hier heutzutage schon Werte vermitteln, die sie von zu Hause oder von der Schule nicht vermittelt bekommen, die müssen wir denen ja teilweise beibringen, nicht?“ Sie sah ihren pädagogischen Auftrag vor allem darin, die überwiegend männlichen Kollegen unter den ausbildenden Fachkräften für diesen Aspekt zu sensibilisieren und „Feinfühligkeit“ im Umgang zu entwickeln.

Der Seniorchef des Elektrohandwerkbetriebs sowie auch seine Mitarbeiter berichteten, wie zermürbend es ist die Auszubildenden auch nach vielen Monaten im Betrieb noch an die „einfachsten Dinge“ wie pünktliches Erscheinen, das korrekte Verhalten beim Kunden in der Wohnung, den Umgang mit Werkzeug und Schutzkleidung etc. erinnern zu müssen:

„Belastend ist oft, dass man mit einfachen Dingen beginnt, wie Pünktlichkeit, Ordnung, dass man, wenn man einem einmal Werkzeug gegeben hat, dass er das auch wiederfindet oder – dass er das nicht nur wiederfindet, sondern, dass er das auch mitbringt, dabei hat. Oder die persönliche Schutzausrüstung, dass man die denen nicht hinterhertragen muss, sondern, dass er die selbstständig mit sich führt, dass er an seine Arbeitskleidung denkt, die er vom Betrieb gestellt bekommt und nicht in Fußballklamotten zur Arbeit kommt, mit Turnschuhen statt Sicherheitsschuhen. […] Der eine, der jetzt am 30. oder 29. Januar die Prüfung hat, den musste ich heute Morgen wieder an seine Sicherheitsschuhe erinnern. Und das ist, finde ich total nervig!“

Mehrfach wurde berichtet, dass Auszubildende unvermittelt in Tränen ausbrechen und dann private Problemlagen zu Tage kommen, die die Ausbilder/-innen nicht nur persönlich sehr betroffen machen, sondern auch bewältigt werden müssen, um den Ausbildungserfolg über die drei Jahre im Betrieb überhaupt gewährleisten zu können. Die Fachausbilder/-innen vor Ort fühlen sich dann durchaus in der Pflicht, eine intensivere Begleitung zu leisten, geben jedoch auch zu, dass sie hier mit ihrem „Bauchgefühl“ an Grenzen stoßen und bei manchen „Härtefällen“ gern professionelle Unterstützung hätten. Nur im Einzelfall ließen sich disziplinarische Probleme noch so einfach aus der Welt schaffen, wie es aus dem Schlachtbetrieb der untersuchten Landmetzgerei berichtet wurde, in dem der Konflikt mit dem Azubi durch die Gesellen ‚unter sich‘ über Strafen ‚bereinigt‘ wurde:

„Wenn einer im Betrieb Schwierigkeiten macht oder Probleme hat, dann geht man halt da rein und spricht mit ihm. Wenn einer halt permanent zu spät kommt oder so, […] das regeln dann die andern Teamkollegen selber hinten. Weil, man ist halt in dem Sinn ein Team. Und wenn einer falsch spielt, dann muss er die Konsequenzen tragen. Dann muss [der Azubi] halt dann am Samstag kommen und für die zwei Stunden Kisten putzen. Und dann, wenn halt der immer noch weiterhin zu spät kommt, dann kommt er halt den nächsten Samstag gleich wieder und den nächsten wieder und den nächsten wieder. […] Also das hat eigentlich bei jedem geholfen nach ein paar Wochen. Weil ich mein, was soll man sonst machen? Wenn der jetzt einmal verschläft, dann muss er nicht am Samstag Dienst machen oder so. Das ist erst, wenn es regelmäßig vorkommt.“

Häufig wird das Unverständnis für die Jugendlichen als Generationenkonflikt gedeutet. Das Gefühl, dass ihre Auszubildenden einer Generation angehören, die „in einer komplett anderen Welt“ leben und ein „ganz anderes Wertesystem im Kopf“ haben, ist dabei nicht auf ältere Ausbilder/-innen beschränkt, sondern wird bereits von Fachausbilder/-innen Mitte Dreißig - hier aus der Zahntechnik und der IT-Branche - geäußert. Auch die Ausbilder/-innen des Versicherungskonzern meinten, dass durch die „moderne neue Welt“ „andere Azubis“ entstünden; die Ausbildungsleiterin sprach von „veränderten Eigenwelten“ der jungen Leute und ihrer „Unterstrukturiertheit“, der man nur beikommen könne, indem man intensiver führe als bisher.