X
Logo

Betriebliche Ausbildung gestalten

foraus.de-Interview zur Handreichungssreihe der Kompetenzwerkst@tt

Von links nach rechts: Prof. Heister (BIBB) im Gespräch mit Prof. Knutzen (TU Hamburg-Harburg), Prof. Howe (Universität Bremen) und Michael Härtel (BIBB).

Angesichts der Debatte um die Digitalisierung der Arbeitswelt, die aktuell unter dem Schlagwort „Wirtschaft 4.0“ geführt wird, stellt sich aus Sicht der Berufsbildung die Frage, welche Auswirkungen dies auf die tägliche Ausbildungspraxis im Betrieb hat oder haben wird.

Das im Interview vorgestellte Berufsbildungskonzept der Kompetenzwerkstatt veranschaulicht, wie die Herausforderungen einer digitalisierten Arbeitswelt didaktisch, methodisch und medial zeitgemäß aufgegriffen werden können. Mithilfe der Kompetenzwerkstatt lässt sich – systematisch und klar strukturiert – eine attraktive, qualitativ hochwertige und effektive Berufsausbildung im Betrieb und in der Berufsschule realisieren, die sich an beruflichen Arbeitsprozessen orientiert, zielgerichtet digitale Medien einsetzt und so die Kompetenzen der Auszubildenden planvoll weiterentwickelt.

Das Interview führte Michael Härtel (Leiter des Bereichs „Digitale Medien, Fernlernen, Bildungspersonal“ im BIBB) mit Prof. Falk Howe (Universität Bremen), Prof. Sönke Knutzen (TU Hamburg) und Prof. Michael Heister (Leiter der Abteilung „Berufliches Lehren und Lernen, Programme und Modellversuche“ im BIBB).

foraus.de: Herr Prof. Howe, Herr Prof. Knutzen, mit der von Ihnen zitierten „arbeitsorientierten Wende in der beruflichen Bildung” beschreiben Sie ein Paradigma moderner Berufsausbildung, das Arbeitsprozessorientierung zum Kern der Förderung beruflicher Handlungskompetenz macht. Angesichts des schnellen technologischen Wandels, verbunden mit dem Trend zur „Digitalisierung der Arbeitswelt“, der demografischen Entwicklung und heterogener werdender Auszubildendengruppen stellt sich die Frage, wie das Ausbildungspersonal seinen Ausbildungsauftrag im Kontext dieser Veränderungen wahrnehmen kann.

Prof. Howe: Die grundlegende Idee besteht darin, eine Verbindung zwischen Arbeiten und Lernen herzustellen. Und zwar an allen Lernorten. Für die betriebliche Ausbildung ist das nicht wirklich neu. Neu ist vielmehr, dass das Potential beruflicher Arbeit systematisch genutzt werden kann und soll, um gezielt Kompetenzen zu fördern. Um das einzulösen, arbeiten wir an einem umfassenden Berufsbildungskonzept, dem wir den Namen „Kompetenzwerkstatt“ gegeben haben.

Prof. Knutzen: Wir haben in der Kompetenzwerkstatt eine Reihe einfach zu handhabender Werkzeuge und Softwaretools entwickelt, mit denen die Ausbildung unterstützt und optimiert werden kann. Das reicht von Methoden zur Beschreibung von Arbeitsprozessen und den hierfür notwendigen Kompetenzen bis hin zu verschiedenen E-Learning-Elementen, die speziell für die Berufsbildung entwickelt wurden. Für alle diese Werkzeuge und Tools haben wir unterschiedliche Materialien produziert: Handbücher, Arbeitsblätter, Videos, Scribbles und Lernsoftware, mit denen Ausbilderinnen, Ausbilder und Berufsschullehrkräfte arbeiten können.

foraus.de: Herr Prof. Heister, das in Ihrer Abteilung beheimatete BIBB-Internetportal für Ausbilderinnen und Ausbilder, Foraus.de, beteiligt sich am Transfer dieser Materialien. Welchen Ansatz haben Sie dafür gewählt und was ist das Besondere daran?

Prof. Heister: Wir sind überzeugt von dem umfassenden Konzept und dem hohen Gebrauchswert der zu diesem Konzept entwickelten Materialien. Hervorzuheben ist dabei der konsequent verfolgte Cross Media-Ansatz. Es stehen klassische Handbücher im Printformat zur Verfügung, die ergänzt werden durch Videotutorials, interaktive Arbeitsmappen und Online-Tools. Dies ermöglicht eine zeitgemäße Nutzung, die auch dem Kommunikations- und Rezeptionsverhalten von Ausbildern, Lehrkräften und Auszubildenden entspricht. Das Ausbildungspersonal hat die Möglichkeit, die Materialien flexibel einzusetzen und an die betriebsspezifischen Anforderungen anzupassen.

foraus.de: Herr Prof. Howe, Herr Prof. Knutzen, Sie sagen, mit Hilfe der Materialien lässt sich auch gut der Aspekt der Lernortkooperation berücksichtigen. Können Sie uns dieses Element Ihres Konzeptes erläutern? Was können betriebliche Ausbilder und Ausbilderinnen und die Auszubildenden mit den Materialien in diesem Zusammenhang anfangen?

Prof. Knutzen: Durch das lernortübergreifende Konzept, das Lernen und Arbeiten miteinander verbindet, besteht die Chance, betrieblich und schulisch Gelerntes besser als früher aufeinander zu beziehen. Ein wichtiges Element des Konzeptes sieht vor, dass die Auszubildenden Ihre Erfahrungen in einem ePortfolio dokumentieren, dass nach den typischen Aufgaben eines Berufs strukturiert ist. Auf diese Weise kann eine „Lernortkooperation im Kopf des Auszubildenden“ unterstützt werden, weil thematisch zusammengehörige Dinge aus dem Ausbildungsbetrieb und der Berufsschule an die gleiche Stelle des Portfolios eingetragen werden – und dort auch wiedergefunden werden können, selbst wenn der Eintrag schon längere Zeit zurück liegt.

foraus.de: Das klingt kompliziert …

Prof. Howe: Nein, ist es überhaupt nicht. Die Grundstruktur des ePortfolios ist so einfach, dass sich die Auszubildenden darin bereits nach sehr kurzer Zeit zurecht finden. Man kann also schnell loslegen. Und der Effekt, der sich bei regelmäßiger Nutzung einstellt, ist bemerkenswert: Betriebliche, überbetriebliche und schulische Arbeits- und Lernerfahrungen passen auf einmal zusammen. Und gleichzeitig hat man seine eigene Ausbildung jederzeit gut im Blick. Was habe ich schon gemacht? Was fehlt noch? Wo sollten demnächst Schwerpunkte in meiner Ausbildung gesetzt werden? All das geht mit dieser Online-Anwendung einfach und intuitiv. Die Software steht kostenlos zu Verfügung, da diese im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projektes entwickelt wurde. 

IT-Brücke zwischen den Lernorten: Prof. Howe und Prof. Knutzen im Gespräch mit Prof. Heister

foraus.de: Herr Prof. Heister, die nun seit einigen Jahren erfolgreich praktizierte Kooperation mit den beiden durch Herrn Prof. Howe und Herrn Prof. Knutzen vertretenen Hochschulen, der Universität Bremen und der TU Hamburg-Harburg, symbolisiert gleichzeitig die engen Bezüge zwischen Forschung und Praxis. Geben Sie uns dazu bitte eine Einschätzung.

Prof. Heister: Während wir mit dem Portal Foraus.de einen Informations- und Kommunikationsservice zur Unterstützung der betrieblichen Ausbildungspraxis anbieten, erfahren die damit verbundenen vielfältigen Angebote durch die Kooperation mit den beiden Hochschulen und den unterschiedlichen Abteilungen des BIBB eine begleitende, strukturierende und damit nicht zuletzt Orientierung schaffende didaktisch-methodische Unterfütterung. Es zeigt sich sehr deutlich, dass durch solch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit gezielt Konzepte für eine zeitgemäße, attraktive und praxisorientierte betriebliche Berufsausbildung entwickelt, erprobt und der Ausbildungspraxis zur Verfügung gestellt werden können. Angesichts der bereits erwähnten dynamischen Veränderungsprozesse möchten wir dem Ausbildungspersonal Materialien anbieten, die an die spezifischen betrieblichen Anforderungen angepasst eingesetzt werden können. Der Kontakt zu den beiden Universitäten und das Hand-in-Hand von Theorie und Praxis hat sich als außerordentlich effektiv erwiesen.
Dabei freut es mich besonders, dass die ausgesprochen anwendungsorientiert geleisteten Entwicklungsarbeiten der Kompetenzwerkstatt direkt anschlussfähig zu dem Ergebnis sind, das der BIBB-Hauptausschuss mit seinen aktuellen Empfehlungen zu kompetenzorientiert formulierten Ausbildungsordnungen erarbeitet hat.

foraus.de: Könnten Sie das bitte erläutern?

Prof. Heister: Sowohl die Handbuchreihe als auch die Hauptausschuss-Empfehlungen heben berufliche Handlungsfelder und Arbeitsprozesse als Dreh- und Angelpunkt explizit hervor. Dieser handlungsorientierte Ansatz wird in Band 2 „Arbeitsprozesse analysieren und beschreiben“, Band 3 „Berufliche Handlungsfelder beschreiben“ und Band 4 „Lern- und Arbeitsaufgaben entwickeln“ operationalisiert und unmittelbar für den betrieblichen Ausbildungsalltag einsetzbar dargestellt. Besser können Berufsbildungspraxis und berufsbildungspolitische Empfehlung nicht miteinander korrespondieren.
Vielleicht wird es noch deutlicher, wenn man sich einige der Passagen aus den Hauptausschuss-Empfehlungen genauer anschaut:
„Handlungsfelder sind berufstypische Aufgabenbündel, für die die zu erwerbenden Kompetenzen beschrieben werden. […] Handlungsfelder sollen sich an dem Modell der vollständigen Handlung orientieren.“
Oder:
„- Welche berufsrelevanten Arbeits- und Geschäftsprozesse gibt es?
- Welche dieser Prozesse lassen sich zu Handlungsfeldern zusammenfassen?
- Was sind charakteristische Kundenaufträge, Dienstleistungen, Projekte, Produkte usw.?
- Welche technischen und organisatorischen Entwicklungen sind absehbar?
- Welche Regeln, Standards und rechtliche Rahmenbedingungen sind zu beachten?"
Dies ist genau der Ansatz des Konzepts, d. h. Band 2 leitet an, wie sich berufsrelevante Arbeitsprozesse identifizieren und aufschlüsseln lassen, Band 3 führt schrittweise dazu, ein Handlungsfeld inhaltlich differenziert, d. h. hinsichtlich des Prozessablaufs, der erforderlichen Kompetenzen und der inhaltlichen Spezifikationen, darzustellen, und Band 4 zeigt schließlich, wie sich auf dieser Basis prozessorientierte, kompetenzfördernde Ausbildungsmaßnahmen gestalten lassen. Die Materialien der Handbuchreihe können aus diesem Grund als Handlungsanleitung zur Umsetzung der Empfehlungen des BIBB Hauptausschusses charakterisiert werden.

foraus.de: Herr Prof. Heister, das Arbeitsergebnis liegt nun in diesem von Ihnen skizzierten auch ordnungspolitischen Kontext vor. Sie engagieren sich sehr fokussiert für den Transfer und somit die Nutzung der Ergebnisse in der Breite der betrieblichen Ausbildungspraxis. Gibt es Überlegungen für eine weitere Zusammenarbeit mit den beiden Hochschulen in diesem Kontext?

Prof. Heister: Ja, sehr konkrete sogar. Während der Entwicklungs- und Erprobungsarbeiten der mediengestützten Elemente des Konzepts zeichnete sich ab, dass wir zum Teil noch ein recht unscharfes Bild der Arbeitssituation des betrieblichen Ausbildungspersonals haben. Dies muss besonders unter dem Gesichtspunkt der eingangs erwähnten Digitalisierung der Arbeitswelt mit ihren Konsequenzen auf die tägliche Ausbildungspraxis in den Betrieben gesehen werden. Es stellt sich die Frage, inwieweit digitale Medien schon zum Ausbildungsalltag gehören und inwieweit die medientechnische und mediendidaktische Kompetenz in den Betrieben bereits vorhanden ist. Das müssen wir im Detail noch herausfinden. Ich bin daher sehr froh, dass ich die beiden Hochschulen für eine Zusammenarbeit mit dem BIBB im Rahmen eines Forschungsprojekts habe gewinnen können, bei dem untersucht wird, wie betriebliches Ausbildungspersonal mit der inzwischen breit verfügbaren, digitalen Medienvielfalt in den Lehr-, Lern- und Arbeitsumgebungen umgeht. Hierbei beschäftigt uns insbesondere auch die Frage, welches Unterstützungsangebot vom betrieblichen Ausbildungspersonal gewünscht wird, um digitale Medien ziel- und ergebnisorientiert im betrieblichen Ausbildungsalltag einsetzen zu können. Da beide Hochschulen u.a. auch im Kontext der Ausbildung von Berufsschullehrkräften aktiv sind, werden wir auch diese im dualen Berufsbildungssystem institutionalisierte Zielgruppe im Forschungsprojekt mit berücksichtigen können.

foraus.de: Prof. Howe, Prof. Knutzen, das BIBB ist eine in der internationalen Berufsbildungszusammenarbeit regelmäßig nachgefragte Institution auch zu Fragen der Qualifizierung des betrieblichen und schulischen Bildungspersonals. Bieten die Materialien die Möglichkeit, auch ein Angebot für die internationale Zusammenarbeit bei Fragen der Modernisierung von Berufsbildungssystemen zu initiieren?

Prof. Howe: Ja, unbedingt. Das deutsche duale Ausbildungssystem erfreut sich international ja größter Beliebtheit. Was aus meiner Wahrnehmung aber einen erfolgreichen Transfer sehr unterstützen würde, wäre ein leicht handhabbares Konzept, das gut auf die jeweils spezifischen nationalen Bedingungen sowohl der Berufsbildungsplanung und auch der unmittelbaren Berufsbildungspraxis angepasst werden kann. Das Konzept der Kompetenzwerkstatt ist modular aufgebaut und wir haben zu vielen Bereichen, die auch im internationalen Bildungszusammenhang von Bedeutung sind, Umsetzungsinstrumente entwickelt: Wie lässt sich ein tiefgehendes Verständnis für Berufe entwickeln? Wie lassen sich berufliche Handlungsfelder beschreiben? Wie lässt sich darstellen, welche Kompetenzen notwendig sind, um in einem Beruf erfolgreich zu bestehen? Wie lassen sich prozessorientierte, kompetenzfördernde Ausbildungs- und Unterrichtseinheiten gestalten? Wie lassen sich Kompetenzentwicklungen feststellen und reflektieren?

Prof. Knutzen: Wir werden Ende des Jahres damit beginnen, die Materialien für die internationale Zusammenarbeit weiter aufzuarbeiten. Hierbei geht es neben sprachlichen Anpassungen vor allem um die erforderlichen inhaltlichen Modifikationen, da die Idee für das Konzept der Kompetenzwerkstatt natürlich dem deutschen dualen System entsprungen ist. Wir würden uns sehr freuen, diesen aus unserer Sicht notwendigen nächsten Schritt wieder gemeinsam mit dem BIBB machen zu können.

foraus.de: Prof. Heister, Prof. Howe, Prof. Knutzen, wir bedanken uns für das Gespräch und freuen uns auf die weiteren Entwicklungen, über die wir gerne wieder informieren.