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Welche betrieblichen Bedingungen können die Ausbildung am Arbeitsplatz erschweren?

Foto: Ehrenberg Bilder, Fotolia
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Im dritten Teil unseres Themenschwerpunkts geht es um die Doppelfunktion, die viele Ausbilderinnen und Ausbilder in ihrem Betrieb ausüben: auf der einen Seite sind sie Ausbilder/ –innen mit einem pädagogischen Auftrag und auf der anderen Seite sind sie Fachkräfte, die betriebliche Leistungsziele haben.

Kernaussagen:

1. Die Ausbildungsaufgabe mit der regulären Tätigkeit als Fachkraft im Betrieb zu vereinbaren, führt für nebenberufliche Ausbilder/-innen zwangsläufig zu Konflikten.

2. Steigende Produktivitäts- und Rentabilitätsanforderungen setzen Ausbilder/-innen je nach Funktion und Branche/Berufsbild unterschiedlich, aber deutlich zunehmend unter Druck.

3. Vor allem Ausbilder/-innen in mittleren und großen Betrieben stehen unter Legitimationsdruck. Ausbildungstätigkeiten werden steuerungstechnisch nicht als Produktivitätsfaktor begriffen und können nicht „fakturiert“ werden.

4. Die Zeit für Ausbildungsbelange wird knapper; zugleich sind – vor allem im Dienstleistungssektor – die Beschäftigten zur Bewältigung ihres Pensums zunehmend auf die volle Mitarbeit der Auszubildenden angewiesen.

5. Die Lage spitzt sich zu, wenn die Jugendlichen diesen Ansprüchen nicht genügen (können) und daher mehr Zuwendung und Unterstützung benötigen. Bei vielen Auszubildenden steigt der Förderungsbedarf.

Mit der Annahme der Ausbilderrolle geraten vor allem die nebenberuflich engagierten Fachkräfte in eine durch verschiedene Dilemmata gekennzeichnete Lage. Sie sind nun sowohl für die Erreichung von unternehmerischen Leistungszielen als auch für die Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen verantwortlich, woraus in der täglichen Arbeitsgestaltung zwangsläufig Ziel- und konkret Zeitkonflikte erwachsen. Eine Mitarbeiterin eines Hotel- und Gaststättenbetriebs beschreibt sich als regelrecht gespalten angesichts dieser Doppelfunktion:

„So teile ich mich jetzt immer; ich teile mich grundsätzlich. Dann bin ich drei Stunden Ausbilderin und dann bin ich wieder ganz normale Service-Mitarbeiterin und danach bin ich wieder Ausbilderin. Und dieser Wechsel, der ist kompliziert, der ist schwierig für mich selbst, persönlich.“

Ein nebenberuflicher Ausbilder aus der Elektroindustrie mit einschlägiger Funktion im Bereich der Maschineninstandhaltung spricht von seinem Rollenkonflikt, welcher im Notfall eindeutig zugunsten seines primären Auftrags als Facharbeiter ausfällt:

„Man muss ganz klar sagen, wir haben eine Fertigung, und diese Fertigung verdient das Geld. Wir [Ausbilder] sind zu sehen als indirektes Personal, und das heißt, mit meiner Tätigkeit verdiene ich eigentlich kein Geld für unseren Konzern. Priorität für mich hat in dem Sinne dann die Fertigung, wenn eine Anlage irgendwo steht.“

Die sich vorwiegend an materiell sicht- und messbaren Produkten orientierenden Maßstäbe der industriellen Fertigung werden auf die eigene Tätigkeit übertragen und führen zu einer monetär negativen Bilanz. Analog dazu äußert sich ein hauptberuflicher Ausbilder aus der Lehrwerkstatt eines anderen Betriebs erleichtert darüber, dass seine Kollegen in der Fertigung ihm noch nie vorgeworfen haben, dass sie für ihn "mitverdienen" müssten, obschon er dafür Verständnis hätte: "Wir verdienen in dem Sinne ja kein Geld, wir sind nicht produktiv in dem Sinne, nicht?"

Ein nebenberuflicher Ausbilder einer IT-Unternehmensgruppe, der wiederholt für die Reservierung von Teilen seiner Arbeitszeit für diese Aufgabe kämpfen musste, gab die Tätigkeit nach zehn Jahren resigniert auf. Letzter Auslöser für diesen Schritt war, dass die Unternehmensleitung als Leistungsanreiz für die Beschäftigten im Kundenauftragsbereich eine Prämienregelung eingeführt hatte und er dadurch finanzielle Nachteile erfuhr. Alle für Kunden aufgebrachten Arbeitszeiten konnten nun fakturiert werden, während „Ausbildungszeiten“, in denen ein Azubi betreut wird, nicht fakturierbar – weil nicht vorgesehen – waren. Der sich auch als Betriebsrat engagierende Software-Programmierer mit mehreren Bildungsabschlüssen beschwerte sich erfolglos über die Nebeneffekte dieses Vergütungsmodells. Die duale Ausbildung war ihm aufgrund seiner eigenen Erstqualifikation als Datenkaufmann im Einzelhandel ein besonderes Anliegen, das aber im Umfeld seiner aktuellen Firma in der IT-Branche nur noch bedingt auf Verständnis stieß. Auf Nachfrage im Interview schilderte er seine wiederholten Verhandlungen mit aktuellen und früheren Vorgesetzten und dabei zeigte sich, dass das Unternehmen die Verantwortung für die Ausbildung schon lange auf die Mitarbeiterebene delegiert hatte. Es wurde als Entgegenkommen der Vorgesetzten dargestellt, wenn dem Ausbilder für sein – quasi persönliches – Ausbildungsinteresse Zeit gewährt wird.

Die Gestaltungsmöglichkeiten der Ausbildungsbeauftragten und ausbildenden Fachkräfte werden neben der Zahl der ihnen zugewiesenen Auszubildenden und Berufe örtlich außerdem stark von der Betriebsgröße und Arbeitsorganisation bestimmt. Beispielsweise findet die Arbeit im Gebäudereiniger- und Elektro-Handwerk wie auch im Rohrleitungsbau bei Kunden an wechselnden Orten mit bisweilen täglich wechselnden Teams statt. Im Servicebereich werden die als steigend erlebten Ansprüche der anwesenden Kunden und ihr Kostendenken als einschränkend für die Integration der Auszubildenden in die Arbeitsprozesse beschrieben. Der Geschäftsführer des Handwerksbetriebs schildert, dass es kaum noch möglich ist, zwei Kollegen gemeinsam zu Privatkunden zu schicken, was das Anlernen im Entstörungsbereich vor große Herausforderungen stellt:

"Es geht oft los, dass der [Kunde] schon an der Türe sagt: ´Warum kommen Sie zu zweit?` Also, dass der Techniker sich rechtfertigen muss, - wobei das in den meisten Fällen (seufzt), glaube ich, auch am Telefon schon kommuniziert wird. Ja, zweite Möglichkeit ist beim Unterschreiben der Arbeitszettel, dann verweigert er die Unterschrift oder korrigiert den Zettel. Und das Dritte ist, er retourniert die Rechnung. Da wir ja uns darauf eingestellt haben schon seit einigen Jahren, kommt das bei uns, ja, sehr, sehr selten vor, also unter ein Prozent der Fälle. […] Grundsätzlich fährt bei uns nur noch einer. Wir setzen die Auszubildenden eigentlich nur noch im Installationsbereich ein, also wo wirklich die auch mitarbeiten, aber nicht mehr im Entstörungsbereich, (seufzt) mache ich nicht."

Insgesamt zeigen die Fallstudien, dass sich ständige Umstrukturierungen, neue Formen der Arbeitsorganisation und ein allseits steigender Kostendruck ungewollt einschränkend auf die Handlungsspielräume der Ausbilder/-innen am Arbeitsplatz auswirken können.