BP:
 

Kompetenzen für die Industrie 4.0

Es ist unstrittig, dass vernetzte Systeme und moderne Technologien zu einem Wandel der Abläufe und Arbeitsformen - und damit auch der erforderlichen Kompetenzen - in Betrieben führen. Wie rasch allerdings solche Veränderungen eintreten und wie tiefgreifend sie sind, ist stets schwer einzuschätzen und zudem von Branche zu Branche oder sogar von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich.

Kompetenzen für die Industrie 4.0

In manchen Bereichen wie z.B. der Druckindustrie hat die Digitalisierung bis hin zum digitalen Endprodukt bereits sehr umfassend stattgefunden. Alte Technologien, Arbeitsformen und Qualifikationsprofile sind komplett ersetzt worden. Für andere Bereiche wird eher ein Nebeneinander traditioneller und neuer Qualifikationen erwartet.

Nach einer Studie des VDMA ("Industrie 4.0 - Qualifizierung 2025") unterscheiden sich die Einschätzungen der befragten Unternehmensvertreter/-innen zur Entwicklung der Industrie-4.0-Qualifizierung recht stark. Es zeigen sich drei Varianten:

  • Beim Szenario "Growing Gap" geht die Schere zwischen Hoch- und Geringqualifizierten immer stärker auseinander.
  • Im Szenario "General Upgrade" wird ein generell steigender Qualifikationsbedarf erwartet, also die Notwendigkeit einer höheren Qualifizierung für alle.
  • Und schließlich betont das Szenario "Central Link" eher die wachsende Bedeutung der Facharbeiterqualifikation und der damit verbundenen spezifischen Beruflichkeit.1

Ob und in welchem Maße Qualifikationen künftig entwertet werden oder neu zu entwickeln sind, hängt nicht zuletzt davon ab, wie umfassend und rasch ein Unternehmen seine Produktions-, Service- oder Vertriebsprozesse datentechnisch automatisiert und vernetzt.

Video: Kompetenzen für die Industrie 4.0

Neue Arbeitsformen in der Wirtschaft 4.0

Trotz unterschiedlicher Entwicklungsverläufe lässt sich sagen, dass Unternehmen durch den Einsatz smarter Geräte und vernetzter Verfahren insgesamt "agiler" werden: Prozesse und Entscheidungen können permanent neu ausgerichtet werden, Arbeit wird flexibilisiert und dynamisiert. Nicht automatisierbare Tätigkeiten werden immer wichtiger. Monotone bzw. einfache Tätigkeiten werden hingegen von intelligenten Systemen unterstützt bzw. ersetzt. Zugleich wird qualifizierte Arbeit spezialisierter.

Auch jenseits der industriellen Produktionshallen verändern die vernetzten Arbeitsmittel die Art und Weise des Arbeitens wesentlich. Folgende Aspekte sind dabei zu beobachten:2

1. Zunahme projektorientierter Arbeitsformen: "Agile" Entwicklungsprozesse und hohe Serviceanforderungen bringen es mit sich, dass neue Anforderungen in immer kürzeren Zeiträumen flexibel umgesetzt werden müssen. Ähnlich wie in der Softwarebranche werden daher projektorientierte Arbeitsformen mit klar definierten Zielsetzungen, Budgets und Zeitrahmen zunehmen. Dabei kommen vernetzte Medien, virtuelle Kooperationsformen und Projektmanagementsysteme zum Einsatz.

2. Dezentrale Entscheidungsfindung und Leistungsbewertung durch Zielvorgaben: Projektorientierung und Flexibilisierung führen dazu, dass das traditionelle Modell von Weisung und Kontrolle abgelöst wird durch eine eher dezentrale Entscheidungsfindung und Leistungsbewertung - unter Beteiligung verschiedener Funktionen und Rollen. Die Steuerung der Mitarbeiter/-innen findet stärker indirekt über Zielvorgaben und messbare "Key Performance Indicators" (KPI) statt.

3. Veränderte Führungskulturen: Statt streng hierarchischer Strukturen werden fachliche und unterstützende Führungsformen Einzug in die Unternehmen halten. Vorgesetzte werden zum "Coach", dessen Rolle vor allem darin besteht, Probleme aus dem Weg zu räumen und zu beraten.

4. Teamarbeit: Projektorientierung und flexible Entwicklungs- und Serviceprozesse erfordern auch, in wechselnden Teams zu arbeiten, die sich häufig aus Personen mit unterschiedlichen Qualifikationen, Rollen und Interessen zusammensetzen. Dabei spielen im internationalen Zusammenhang nicht zuletzt auch kulturelle und sprachliche Unterschiede eine wichtige Rolle.

5. Abteilungsübergreifende Integration von Funktionen: Während in der klassischen Unternehmensorganisation einzelne Funktionsbereiche relativ eigenständig und klar getrennt sind (z.B. Fertigung, Logistik, Vertrieb, Marketing, Finanzen und IT), ist die Wirtschaft 4.0 durch eine stärkere Verzahnung dieser Bereiche geprägt. Dies erfordert ein genaues Wissen über die vernetzten Prozesse sowie eine intensive Koordination.

6. Aufwertung von IT- und Software-Kompetenzen: General-Electric-Chef Jeffrey Immelt wird die Aussage zugeschrieben, dass sich jedes Industrieunternehmen zu einem Softwareunternehmen entwickeln werde.3 Dahinter steht die Beobachtung, dass Software ein wesentlicher Bestandteil vieler Industrieprodukte ist und Softwareunternehmen oftmals eine Vorbildfunktion für andere Industriebereiche und Branchen übernehmen. Die IT wird künftig eine zentrale Rolle in allen Unternehmensbereichen spielen, sei es die Beschaffung und Herstellung, der Vertrieb oder das Marketing. Damit steigt der Anteil der Informationsverarbeitung und es wird auch ein besseres Verständnis dieser Systeme erforderlich, zum Beispiel für die Analyse der generierten Daten (Big Data).

7. Zunahme freiberuflicher und temporärer Arbeitsformen: "Wirtschaft 4.0"-Unternehmen und -Betriebe werden nicht alle erforderlichen hochqualifizierten Fachkräfte beständig vorhalten können. Schon heute werden diese vermehrt "on demand" von spezialisierten Anbietern "hinzugekauft".

8. Qualitätssicherung: Während die Qualität von Arbeitsprozessen bislang hauptsächlich durch Standards (SOPs)4, Prozessnormen und Qualitätssicherungssysteme gewährleistet werden sollte, erlauben datenbasierte Systeme eine beständige Überwachung, Messung und Dokumentation. Dadurch wird eine höhere Transparenz der Arbeitsprozesse und Arbeitsleitungen möglich. Fehler, Abweichungen und Störungen können rascher erkannt und behoben werden.

9. Örtliche und zeitliche Flexibilisierung und höhere Autonomie: Schließlich ermöglichen die beschriebenen Systeme größere Freiheitsgrade im Hinblick auf den räumlichen und zeitlichen Handlungsrahmen. Vernetzte Systeme können aus der Distanz gesteuert und gewartet werden, Kommunikation und Zusammenarbeit findet immer häufiger virtuell statt; Arbeitsaufträge können unabhängig von festen Arbeitszeiten im Betrieb bearbeitet werden. Damit wächst den Mitarbeitern/-innen auch eine höhere Autonomie zu. Das bedeutet jedoch auch: Sie müssen sich geänderten Anforderungen eigenverantwortlich stellen, sich situativ richtig verhalten und dafür entsprechend informieren.

Interview (2/6) - Was sind die wichtigsten Kompetenzen, die den Auszubildenden für Wirtschaft 4.0 vermittelt werden müssen?

Dr. Gert Zinke (BIBB), wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter für die BMBF-BIBB-Initiative Berufsbildung 4.0

Qualifikationserwartungen und -niveaus

Im Rahmen der Forschungsinitiative "Berufsbildung 4.0 – Fachkräftequalifikationen und Kompetenzen für die digitalisierte Arbeit von morgen" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) sind von 2016 bis 2018 Studien zu Fachkräftebedarfen, Fachkräftequalifikationen und Kompetenzen für die digitalisierte Arbeitswelt durchgeführt worden – in insgesamt 14 anerkannten Ausbildungsberufen.

Exemplarisch wurde analysiert, wie die Digitalisierung verändernd in berufliche Aufgabenfelder hineinwirkt und was dies für die Aus- und Weiterbildung der Fachkräfte bedeutet. Aus dem Ergebnisvergleich sind Handlungsempfehlungen abgeleitet und zusammengefasst worden:

  • für die Gestaltung von Aus- und Weiterbildung
  • für die Weiterentwicklung systemischer Rahmenbedingungen
  • für die Weiterentwicklung von bundeseinheitlichen Aus- und Weiterbildungsregelungen

Die vergleichende Gesamtstudie aus dem Jahr 2019 hält fest, dass das Kompetenzanforderungsniveau an Fachkräfte im Zuge der Digitalisierung wächst - bei gleichzeitiger Reduzierung von Routinetätigkeiten. Dies würden die in den Untersuchungen identifizierten, veränderten Tätigkeiten und Arbeitsaufgaben belegen.5 So nennt die Studie fünf "Kompetenzbündel", die Ausdruck für einen allgemeinen Kompetenzanforderungszuwachs, ausgelöst durch die Digitalisierung, sind:

  • Komplexität bzw. Komplexitätssteigerung
  • Prozesssteuerung/Prozessverantwortung
  • IT-gestütztes Arbeiten
  • Übernahme von Tätigkeiten zur Datenanalyse

"Betrachtet man zusammenfassend die Ergebnisse zur Veränderung der Arbeitsaufgaben und Tätigkeiten infolge der Digitalisierung gewinnen die meisten Berufe an Komplexität, Routinetätigkeiten gehen zurück, die Anforderungen an die berufliche Handlungskompetenz steigen. Die wachsende Dynamik sich ändernder Arbeitsaufgaben kann am besten durch die Stärkung einer allgemeinen berufsbezogenen Handlungskompetenz und weniger durch die nur immer neue Aneignung berufsspezifischer Kompetenzen gemeistert werden."

Zinke, Gert: Berufsbildung 4.0 – Fachkräftequalifikationen und Kompetenzen für die digitalisierte Arbeit von morgen: Branchen und Berufescreening. Bonn 2019

  • 1

    Weitgehend einig sind sich die im Rahmen dieser Studie befragten Experten, dass das Thema Industrie 4.0 in der Erstausbildung und in der beruflichen Weiterbildung eine hohe Bedeutung hat: 62% bejahen dies für die Weiterbildung und 71% für die Erstausbildung. Unternehmen, die sich proaktiv-innovativ in der Qualifizierung zeigen, und solche, die Vorreiter beim Thema Industrie 4.0 sind, integrieren das Thema gleichgewichtig in Aus- und Weiterbildung. Die in beiden Feldern - Qualifizierung und Industrie 4.0 - eher abwartend agierenden Unternehmen verankern das Thema aktuell etwas stärker in der Weiterbildung als in der Erstausbildung. Selbst Befragte, die Industrie 4.0 bislang für ihr Unternehmen als nicht relevant einschätzen, sehen das Thema schon heute zu 40% in der Erstausbildung verortet (vgl.: https://www.vdma.org/documents/34570/15841114/VDMA+Studie+Industrie+4.0+-+Qualifizierung+2025.pdf/e8366515-a610-db93-dcc2-1557223aa0b2?t=1620636433286) 

  • 2

    Siehe hierzu u. a. Thomas Sattelberger 2015: "Schöne neue Arbeitswelt": https://www.hays.de/documents/10192/135555/hays-forum-2015-vortrag-thomas-sattelberger.pdf/f73a6205-79bd-4a1d-8d47-12c5ead65d3d

  • 3

    Harvard Business Manager, Dezember 2015, S. 65 

  • 4

    Standard Operating Procedures (SOP): In Qualitätshandbüchern festgelegte Abläufe und Prozeduren 

  • 5

    vgl.: Zinke, Gert: Berufsbildung 4.0 – Fachkräftequalifikationen und Kompetenzen für die digitalisierte Arbeit von morgen: Branchenund Berufescreening. Bonn 2019

Seien Sie beim BIBB-Kongress 2022 dabei!