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Drei Fragen an... Jens Rigterink (Projektleiter des Projekts „Diakom-E“)

In Elektrofahrzeugen laufen verborgene elektronische und elektrische Prozesse ab, die mit bisher verfügbaren Lehrkonzepten und Lernmitteln nur unzureichend vermittelt werden. Das Projekt „Diakom-E“ (Diagnosekompetenz für die Elektromobilität) möchte die ablaufenden Prozesse mithilfe eines Schulungsfahrzeuges für die Auszubildenden transparent machen.

Drei Fragen an... Jens Rigterink (Projektleiter des Projekts „Diakom-E“)

Sonderprogramm ÜBS-Digitalisierung: Die Automobilbranche verändert sich und somit auch die Anforderungen an das Kfz-Handwerk. Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Handwerkskammer Bremen für eine zukunftsorientierte, überbetriebliche Ausbildung für Kfz-Mechatroniker/-in?

Ich glaube, der Dreh- und Angelpunkt liegt darin, dass Auszubildende ein Gesamtverständnis über ein Kraftfahrzeug gewinnen müssen.

Es gibt einen Hochvolt-Lehrgang, der bereits zum Pflichtprogramm der Kfz-Mechatroniker/-innen gehört: der sogenannte K4-Lehrgang. Dieser Lehrgang beschäftigt sich unter anderem mit Sicherheitsbestimmungen. Nach Informationen der Berufsgenossenschaft werden sicherheitstechnische Aspekte behandelt und man erlernt in diesem Lehrgang das sichere Arbeiten an Hochvoltfahrzeugen. Besonderes Augenmerk liegt in diesem Zusammenhang bei der Diagnose und dem Aus- und Einbau von Hochvoltkomponenten. Dabei ist aufgefallen, dass es den Teilnehmenden teilweise schwerfällt, die nötigen Kompetenzen für eine zielgerichtete Diagnose zu erlangen.

Ziel unseres Projektes ist es, ein Gesamtverständnis von Kraftfahrzeugen zu vermitteln.

Jens Rigterink

Das Ziel unseres Projektes ist es, ein Gesamtverständnis von Kraftfahrzeugen zu vermitteln, zu veranschaulichen und zu visualisieren. Wie funktioniert Hochvolttechnik innerhalb eines Autos und was passiert, wenn ich bestimmte Komponenten einzeln anfasse, austausche oder wiedereinbaue? Welche Zusammenhänge sind innerhalb eines Autos erkennbar? Ich glaube, es ist wichtig, dass nicht nur sicherheitsbezogenes Teilwissen vermittelt wird, sondern dass die Auszubildenden ein Verständnis über die Prozesse im Kfz bekommen.

Sonderprogramm ÜBS-Digitalisierung: Im Projekt „Diakom-E“ bauen Sie ein Verbrennungsfahrzeug zu einem Schulungsfahrzeug für E-Mobilität um. Welche Erkenntnisse und welchen Nutzen erwarten Sie von diesem Schulungsfahrzeug für die überbetriebliche Ausbildung?

Die Idee ist durch ein Vorprojekt mit der Innung des Kraftfahrzeugtechniker-Handwerks in Bremen entstanden. Die zentrale Frage ist, wie es möglich ist, ein Verbrenner-Kraftfahrzeug zu einem Elektrofahrzeug umzubauen und die benötigten Messstellen für die Teilnehmer erreichbar und sicher zu platzieren. Dabei geht es unter anderem um Platz, um die Kräfteverteilung und um die simple Frage nach der Ausrichtung des Motors. Es hört sich jetzt sehr trivial an, aber wie wird der Motor eigentlich eingebaut, damit das Fahrzeug wieder fahrbereit ist? Wo können in dem vorhandenen Bauraum die HV-Akkus, der Inverter, der DC/DC-Wandler, der Isolationswächter, der HV- Klimaanlagenkompressor usw. verbaut werden? Die technische Begleitung des Einbaus erfolgt durch externe Experten. Und im Kern geht es um das Gesamtverständnis.

Wenn wir von einem Kfz-Verbrenner reden, dann reden wir auch immer von Kräften, die sich in so einem Motor bewegen – laienhaft ausgedrückt. Wie ist es eigentlich möglich in einen Verbrenner einen Elektromotor einzubauen und dieses Fahrzeug tatsächlich verkehrstüchtig zu machen? Für Auszubildende ist dieser Prozess auch nicht ganz unspannend. Er dient letztendlich auch dazu, Leute für dieses Projekt zu gewinnen – ebenso wie die Arbeit an einem tollen Auto. Wir haben einen kleinen, aus Kunststoff bestehenden, roten Flitzer gekauft. Diesen Wagen bauen wir zu einem Elektro-Auto um. Der Prozess wird begleitet und gefilmt, was wiederum dazu dient, junge Leute – Frauen und Männer – für das Projekt zu begeistern. Eine spannende Geschichte – der Motor ist jetzt raus und wir haben den Umbausatz bestellt. Beim Umbau haben wir festgestellt, dass wir tatsächlich einen anderen Motor nehmen mussten als im Ursprungsantrag geplant. Der synchrone Motor, den wir eigentlich angedacht hatten, funktionierte in dieser Konstellation nicht und wir mussten einen asynchronen Motor bestellen. Aber die Erkenntnis, dass der ursprüngliche Plan nicht funktionierte, können wir auch als Projektergebnis werten. Wir haben die Ausschreibung dahingehend nochmal geändert und den veränderten Umbausatz bestellt.

Der Umbau selber wird wahrscheinlich gar nicht so lange dauern. Gemäß Meilensteinplanung soll das Fahrzeug diesen Herbst fahrbereit sein. Aufgrund der Pandemie müssen wir sehen, wie weit wir kommen. In der vergangenen Woche habe ich mit den Partnerprojekten [Anm. d. Redaktion: aus der Themengruppe „Entwicklung von innovativen Ausbildungsmittel“ der Transferwerkstatt) Kontakt aufgenommen, um zu hören, wie es bei ihnen läuft. Wir, bei Diakom-E, konnten bislang noch relativ normal weiterarbeiten, aber wir sind Corona-bedingt knapp in der Zeit. Auch bei uns ist natürlich einiges ausgefallen und wir bekommen nicht mehr jeden Auszubildenden problemlos.

Sonderprogramm ÜBS-Digitalisierung: Die Entwicklung von Lehr- und Lernmaterialien ist ein weiterer wichtiger Schritt Ihrer Projektarbeit. Welche Neuerungen werden zukünftig in die überbetriebliche Ausbildung von Kfz-Mechatroniker/-innen eingeführt?

Das kann ich tatsächlich noch gar nicht beantworten, da dieser Prozess nachgelagert ist. Wir bedienen uns auch in diesem Bereich eines externen Dienstleisters – die Ausschreibung läuft gerade. Im Kern geht es darum, dass wir den Prozess einmal visualisieren und dokumentieren wollen. Der Einbau soll mit den Auszubildenden erfolgen. Dazu benötigen wir auch neue methodisch-didaktische Konzepte und Lern- und Arbeitsaufgaben, die von fachlich kompetenter Stelle entwickelt werden. Aber was das genau sein wird, kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Aber wir haben bereits eine Vorstellung. Meine Wunschvorstellung ist es – auch weil wir im Beirat das Heinz-Piest-Institut für Handwerkstechnik sitzen haben, dass der K4-Lehrgang neu gestaltet wird, durch neue Lehr-/Lernmaterialien aufgewertet wird, oder etwas vollkommen Neues entsteht. Das kann ich an dieser Stelle allerdings noch nicht sagen.

Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass wir das Glück haben mit einem Beirat arbeiten zu können, der aus den absoluten Expertinnen und Experten der Automobil- und der Elektrobranche besteht. Neben Praktiker/-innen begleiten Professor/-innen das Projekt methodisch-didaktisch. Die Arbeit des Beirats besteht nicht darin, sich zweimal jährlich zusammenzusetzen und bei Kaffee und Keksen zuzuhören. Der Beirat beobachtet und begleitet das Projekt.

Ich wage noch keine Prognose. Das Ergebnis kann super gut sein, aber es könnte auch wenig dabei rauskommen. Das kann man an dieser Stelle einfach noch nicht sagen. Ich glaube aber, dass das Drumherum ganz gut ist. Und wenn wir jetzt auch noch die richtigen externen Dienstleister mit der richtigen Expertise gewinnen können, könnte es ein Erfolg werden. Ich hoffe das klappt.

Dafür wünschen wir Ihnen viel Erfolg und herzlichen Dank für das interessante Interview.