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Wie Sie Beurteilungsfehler vermeiden

Glauben Sie nicht alles, was Sie über Ihre Auszubildenden denken. Vor allem, wenn es darum geht, ihre Leistungen zu beurteilen.

Ob im Feedbackgespräch, im Dialog mit der Ausbildungsleitung oder im Berufsalltag – Ihr Urteil ist gefragt. Es sollte möglichst fair und sachlich ausfallen. Das ist leichter gesagt als getan. Objektiven Urteilen stehen oft Wahrnehmungsverzerrungen und Denkfallen entgegen. Sie beeinflussen auch unser Verhalten. Oft hilft es schon, sich ihrer bewusst zu werden, um sie zu umgehen. 

Der Anti- und Sympathie-Effekt

Praxisbeispiel: Wenn es einfach nicht passt

Mit Tom hat die ausbildende Fachkraft Anja von Anfang an Schwierigkeiten: Sie mag die forsche Art des Auszubildenden nicht und sieht auch seine Arbeitsweise kritisch. Eines Tages sagt Tom frustriert zu Anja: „Ich kann mich noch so sehr anstrengen. Es ist in Ihren Augen nie genug!“ 

Vielleicht ist Anja über den Anti- und Sympathie-Effekt gestolpert. Je fremder uns andere in ihren Werten und Einstellungen sind, desto unsympathischer finden wir sie. Im Privatleben können wir unsympathische Zeitgenossen meiden. Im Berufsalltag funktioniert das nicht. Anti- und Sympathie dürfen keine Rolle spielen, vor allem nicht bei Auszubildenden.

Legen Sie deswegen sachliche Bewertungskriterien fest, die für alle gelten. Vergleichen Sie Ihre Einschätzung mit dem Urteil Ihrer Kolleginnen und Kollegen. Einen Beurteilungsbogen finden Sie hier zum Download. Download Arbeitshilfe Beurteilungsbogen

Der Heiligenschein-Effekt: eine Eigenschaft überstrahlt alles andere

Heiligenschein-Effekt

Wie ein Heiligenschein kann ein Merkmal eines Menschen alle anderen Eigenschaften überstrahlen. So werden zum Beispiel attraktive Männer oder Frauen von anderen unbewusst besser bewertet und können sich mehr „erlauben“. 

Gut zu wissen

Umgekehrt gibt es auch den Teufelshörner-Effekt. Hier dominiert eine einzige negative Eigenschaft den Gesamteindruck.

Hinterfragen Sie sich hin und wieder ehrlich: Auf welcher Basis haben Sie Ihr Urteil über eine oder einen Ihrer Auszubildenden getroffen?

Primär-Effekt: der erste Eindruck zählt

Innerhalb weniger Sekunden machen wir uns ein „Bild“ von einer Person. Blitzschnell fällen wir ein Urteil: Ist uns der Auszubildende sympathisch? Ist die Auszubildende aufmerksam und interessiert? Dieser erste Eindruck wirkt fort und beeinflusst unser Urteil nachhaltig.

Überprüfen Sie Ihre Einstellung zu Ihren Auszubildenden hin und wieder selbstkritisch. Hat sich der erste Eindruck bestätigt – oder sollten Sie ihn vielleicht überdenken?

Zu mild oder zu streng?

Zu mild oder zu streng

Nur kein Ärger! Wer so denkt, vermeidet schwierige Gespräche und Konflikte und lässt seine Auszubildenden „machen“. Am anderen Ende der Skala stehen diejenigen, die zu hohe Ansprüche an ihre Auszubildenden stellen, die mit Strenge und Härte vorgehen und keine Konfrontation scheuen.

Weder die Zuckerbrot- noch die Peitschen-Variante ist zielführend. Suchen Sie am besten die goldene Mitte. Fördern Sie Ihre Auszubildenden möglichst individuell, legen Sie jedoch bei allen die gleichen Maßstäbe zur Bewertung an.

Der Kontrast-Effekt: fatale Vergleiche

Praxisbeispiel: Alexia, die Königin der Auszubildenden

Ela kann es nicht mehr hören. Anja, ihre ausbildende Fachkraft, schwärmt wieder von Elas Vorgängerin: „Nimm dir Alexia als Vorbild. Sie hätte das viel sorgfältiger erledigt!“ 

Höher, schneller, weiter – was im Sport gilt, spielt keine Rolle in der Ausbildung. Es geht um „normale“ Leistung, nicht um Wettbewerb und Top-Ergebnisse. Vergleichen Sie Ihre Auszubildenden daher auch nicht miteinander. Insbesondere dann nicht, wenn Sie bereits besonders leistungsstarke Auszubildende betreut haben, an deren Level andere nicht herankommen.

Der Nikolaus-Effekt

Nikolaus-Effekt

Kürzlich gewonnene Eindrücke sind uns präsenter als solche, die schon länger her sind. Das Neue überstrahlt das Alte. Dieser Effekt verfälscht unsere Wahrnehmungen. Entschärfen können Sie ihn mit regelmäßigem Feedback oder mit Erinnerungsstützen in Form von Notizen. 

Kontakt-Effekt: je öfter – je lieber

Häufiges Beisammensein schafft Sympathie, ob man will oder nicht. Sie bewerten Auszubildende, mit denen Sie viel Kontakt haben, möglicherweise besser als diejenigen, die Sie seltener treffen. Vermeiden können Sie diesen Effekt ganz einfach: Schaffen Sie Begegnungspunkte. 

Klebe-Effekt: Image und Vorurteile haften 

Klatsch und Tratsch gibt es in jedem Betrieb. Dagegen ist kaum jemand immun. Was Sie aber tun können: Prüfen Sie die Urteile anderer auf Herz und Nieren. Ihrer Auszubildenden eilt der Ruf voraus, faul zu sein? Ihrem Auszubildenden wird nachgesagt, schnell auszuflippen? Beobachten Sie die Betreffenden und reflektieren Sie kritisch, ob das Image zu Ihrem Bild von den Betreffenden passt.

Genauso verhält es sich mit Vorurteilen: Jeder hat sie. Bei der Beurteilung von Auszubildenden dürfen sie jedoch keine Rolle spielen. Was hilft: ein Kriterienkatalog, der für alle gilt. Einen Beurteilungsbogen für die Ausbildungspraxis, der verschiedene Kriterien berücksichtigt, finden Sie hier Download Arbeitshilfe Beurteilungsbogen

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